Ein Irrtum namens Daily

19.05.2017

Der Neuigkeiten-Check über die neue digitale Abendzeitung Spiegel Daily

Dass Menschen in diesen wahnsinnig turbomäßigen Zeiten, in denen man alle zwei Minuten von mehr oder weniger relevanten Push-Meldungen aus dem Schlaf geklingelt wird, medial nach Einordnung und Beruhigung durstet, gehört zu den großen Irrtümern von Medienschaffenden. Der Spiegel macht aus der These jetzt mit seiner täglichen Abendzeitung Spiegel Daily gar ein Geschäftsmodell. Würde sie stimmen, müssten die wilden digitalen Nachrichtenströme der Moderne zu einer Renaissance der Zeitung führen. Das Gegenteil ist der Fall.

„Einmal am Tag die Welt anhalten“, definiert der Spiegel recht ambitioniert sein Vorhaben. Punkt 17 Uhr ist seit dieser Woche der Zeitpunkt, an dem die Hamburger den Planeten zum Stillstand bringen wollen. Da sich der Globus aber nicht an den Claim hält, und eine Trump-Geschichte um 18 Uhr ganz anders aussehen kann als eine Stunde zuvor, stellt sich natürlich beim halbwegs nach Aktualität interessierten Leser die Frage, warum er die Story um 17 Uhr überhaupt lesen sollte.

Das Versprechen: „Nur, was heute wichtig ist.“

Mit dem zweiten Anspruch erhebt Spiegel Daily eine falsche Behauptung. „Nur, was heute wichtig ist“ steht vollmundig unter dem Logo. Nur warum bietet die digitale Abendzeitung dann Stücke aus dem jüngsten Spiegel an? Welche Tagesrelevanz haben ein Selbstversuch zu autonomem Fahren oder ein Video über den Treibstoff von morgen? Oder gar ein Emoji-Interview mit der Schauspielerin Jasmin Tabatabaj. Ein Großteil des Angebotes hat keine tagesaktuelle Relevanz. Wie will man aber so den Anspruch erfüllen, den Tag einer wild gewordenen Welt mal kurz zu beruhigen und zu ordnen?

Journalistisch gesehen ist Spiegel Daily weder überragend noch schlecht, auch wenn man sich fragt, warum der Tod von Soundgarden-Sänger Chris Cornell nicht mal eine Meldung wert war. Doch besser oder irgendwie attraktiver als Spiegel Online ist es nicht. Daran ändern auch Videos mit Harald Schmidt oder Jörg Kachelmann nichts.

Und was passiert nach 17 Uhr?

Und die Kannibalisierungsfrage stellt sich natürlich. Wer Spiegel Daily um 17 Uhr oder später liest, könnte sich genauso gut die Website vornehmen. Die erhebt zwar nicht den Anspruch, die Welt anzuhalten, aber Newssites seriöser Anbieter zeichnen sich dadurch aus, dass sie am frühen Abend einen runden analytischen Überblick über das Tagesgeschehen bieten. Das halt nicht, das was am Morgen wichtig war, nicht mehr auffindbar ist, sondern gut eingeordnet weitergedreht wird. Was sich Spiegel Daily auf die Fahnen schreibt, macht Spiegel Online im Grunde jetzt schon.  

Seinen prominent platzierten Anspruch hält Daily nicht ein

Neue Produkte von Medien sind herzlich willkommen. Es müsste viel mehr von ihnen geben. Aber deutsche Verlage entwickeln viel zu häufig solche, die das Rad zurückdrehen wollen, anstatt Journalismus weiter zu entwickeln. Und darum geht es auch bei Spiegel Daily. Es basiert auf dem uralten Konzept der Abendzeitung, für das es meiner Meinung nach keine Zukunft mehr gibt. Wahrscheinlich wird es immer ein paar Menschen geben, die die Welt anhalten wollen. Es hat auch Menschen gegeben, die wollten lange nicht vom Pferd aufs Auto umsteigen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.

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