4 Gründe gegen #280zeichen

10.11.2017

Warum die Umstellung auf Twitter nicht die brillanteste Entscheidung war.

An sich ist darüber schon genug geschrieben und gepostet worden diese Woche, aber auch dieser Blog kommt an #280zeichen nicht vorbei. Schließlich wies sein Autor bereits vor Monaten darauf hin, twittersüchtig zu sein. Er bezog seinen Kick aber unter anderem aus der strengen Zeichenlimitierung.  

Die Entscheidung von Twitter-Boss Jack Dorsey, der meint, mit der Verdoppelung der zulässigen Zeichenzahl gehe man auf die Wünsche vieler Nutzer ein, ist in mehrfacher Hinsicht unverständlich.

1. Dieses Bedürfnis gibt es gar nicht

Laut Twitter waren nur fünf Prozent aller Tweets während der seit Ende September laufenden Testphase länger als 140 Zeichen. Was der Microblogging-Dienst als Beruhigungspille für aufgebrachte Power-User verabreichen wollte, nach dem Motto: „Seht ihr, es ändert sich ja nicht viel“, führt viel mehr die Entscheidung ad absurdum. Offenbar sind es eben nicht so viele, die eine Änderung wünschen.

2. Der Markenkern wird zerstört

Was Twitter von anderen sozialen Medien abhob, ist seine sprachliche Klasse. Natürlich gilt das bei Weitem nicht für alle User, dem US-Präsidenten wird das beispielsweise kaum jemand attestieren. Aber unter den 330 Millionen Nutzern finden sich Hunderttausende, die das Netzwerk mit verbaler Brillanz voller Ironie und Wortwitz füllten. Und das gilt nicht nur für Journalisten oder Schriftsteller, sondern auch für User, die vor Twitter mit Schreiben nicht viel am Hut hatten.

Jeder, der sich näher mit dem Netzwerk beschäftigt, hat Kult-Twitterer in seiner Timeline, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Sie alle leben von der Begrenzung, die es nötig macht, auf den Punkt zu kommen, pointiert zu schreiben, ironisch anzudeuten. Deshalb ist Twitter das intelligenteste soziale Netzwerk. 280 Zeichen sind dagegen eine Masse, die dazu verleiten, alles zu erklären, statt Interpretationsspielraum zu lassen. Geschwafelt wird auf Facebook schon genug, wie will sich Twitter da noch abheben?

3. Das Marketing wird erschwert

Twitter gewinnt seinen Bekanntheitsgrad auch unter Menschen, die es selbst nicht nutzen, aus seinen weitreichenden Zitationen. Wenn immer eine gesellschaftliche Debatte entsteht oder eine politische Entwicklung heiß diskutiert wird, binden TV- und vor allem Online-Medien Tweets in die Berichterstattung ein, nach dem Motto „So diskutiert das Netz“. Hier wird Twitter häufig bevorzugt, weil die Beiträge pointiert, prägnant, vor allem jedoch schlichtweg kurz sind und sich in Sekundenschnelle erfassen lassen. Unschätzbar wertvolles Gratis-Marketing.

Der Vorteil gegenüber Facebook verschwindet jetzt, denn welche Newssendung oder Fußballshow hat die Muße, seine Zuschauer 280-Zeichen-Sermon lesen und verarbeiten zu lassen? Schon optisch erschlägt es den Betrachter, wirkt nicht knackig, sondern anstrengend.

4. Twitter ist keine Herausforderung mehr

Der Reiz des Netzwerks liegt in dem knappen Platz, oft beißt man sich lange die Zähne aus. Aber nicht, weil 140 Zeichen fehlen, sondern vier oder fünf. Hat man es geschafft, seine Gedanken auf 140 Zeichen zu quetschen und wird mit Faves und Retweets honoriert, so entstehen nicht selten Stolzmomente. Die fallen jetzt weg. Die Knappheits-Challenge fehlt.  

In dem Bemühen, sein Baby attraktiver zu machen, trifft Dorsey häufig die falschen Entscheidungen. Herzchen statt Sternchen für Favorisierungen von Tweets gingen bereits komplett in die falsche Richtung, weil es eher für Glossy-Bling-Bling-Plattformen wie Snapchat oder Instagram geeignet war, als für die teils bitterbös-sarkastische Meinungsschmiede Twitter. Zyniker mit Herzchen zu beschenken: Dorsey fehlt offenkundig der Sinn für Symbole.  

Ganz so schlimm, wie es auf Twitter am Mittwoch den Anschein hatte, als es für viele kein anderes Thema gab und sich die Gemeinde mit 280er 08/15-Humor geradezu überbot, wird’s wohl hoffentlich nicht werden. Es entstand der Eindruck, als sei man geradezu gezwungen, den Platz vollzuschreiben. Werden die Zahlen aus der Testphase bestätigt, wird das aber kaum jemand machen. Twitter wird sich also wohl nicht so stark schaden wie beabsichtigt. Ein Hoffnungsschimmer.

Gründer Dorsey sollte akzeptieren, dass sich mit einer Plattform, die ihren Reiz vor allem aus schnellem, schlagfertigem Gedankenaustausch bezieht, bei Weitem nicht so viele Menschen ansprechen lassen wie mit der bunten Video- und Bilderwelt von Facebook und Instagram. Die dienen den Mitgliedern allen Hate Speechern zum Trotz weniger zur Debatte als zur Selbstdarstellung. Und daran sind die Menschen nun einmal mehr interessiert.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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