5 Jahre ohne Lachsrosa

08.12.2017

Warum der Ruf der FTD besser denn je ist

In dieser Woche jährt es sich zum fünften Mal, dass die Financial Times Deutschland (FTD) das Zeitliche gesegnet hat. Am 7. Dezember 2012 erschien die letzte Ausgabe nach nicht einmal 13 Jahren. Die Ehemaligen gedenken der lachsrosafarbenen Zeitung an diesem Samstag mit einer fetten Party auf St. Pauli, 200 von ihnen haben sich angemeldet. Auch fünf Jahre nach dem Ableben ihres Arbeitgebers sind sie ein gut vernetzter, geradezu verschworener Haufen.

Neue Top-Jobs zu finden, war für die „Alumni“ kein Problem. Sie sitzen heute quasi überall: Ob an der Spitze von Pressestellen (beispielsweise Infineon, Boston Consulting, Versicherungswirtschaft), in Agenturen (C3, fischerAppelt, Brunswick etc.), bei so gut wie allen relevanten Tageszeitungen und Newssites (Süddeutsche, FAZ, WELT, Funke, SPIEGEL Online und ZEIT Online) und bei allen wichtigen Magazinen, die wie Capital und manager magazin fest in der Hand von ehemaligen FTD-Leuten sind.  

Hört man sich in deutschen Pressestellen um, so wird das Aus noch heute unisono bedauert. Der Ruf der FTD ist vielleicht besser denn je. Während die Zeitung früher in offiziellen Umfragen unter Sprechern auch mal abgestraft wurde (vielleicht auch, weil andere bequemer waren), so wertet die hinterlassene Lücke das Blatt nachträglich enorm auf.

Denn was der ehemalige Chefredakteur des Handelsblatt, Bernd Ziesemer, 2014 moniert hat, den starken Wertverlust der Unternehmensberichterstattung in Deutschland, hat ungebrochen Gültigkeit. Ziesemer beklagte damals unter anderem: „Die investigative Unternehmensreportage gehört zu den schwierigsten journalistischen Herausforderungen überhaupt. Und mein Eindruck ist: Die geballte Power der PR-Strategen steht hier kurz vor ihrem finalen Sieg, weil die Mittel, die Ausdauer und zunehmend auch das Fachwissen in den Redaktionen fehlen, den Unternehmen auf die Finger zu sehen.“

Untergang der Unternehmensberichterstattung

Man muss noch nicht einmal in diese Königsgattung eintauchen, um zu sehen, dass seit dem Ende des lachsrosa Blattes aus Hamburg die Unternehmensberichterstattung eine untergehende Disziplin ist – es sei denn, es geht um Tesla oder Amazon. Während die FTD mit üppiger Unternehmens- und Markenberichterstattung in die Zeitung einstieg, wird das Ressort für das Handelsblatt zunehemnd unbedeutender, so hat man den Eindruck. Im beliebten Morning Briefing des Herausgebers finden sich jedenfalls deutlich mehr Abrechnungen mit der Schulz-SPD als mit Konzernen. So covert das Düsseldorfer Blatt im klassischen Unternehmensteil pro Ausgabe mittlerweile kaum mehr als ein halbes Dutzend Konzerne, in der Regel die ewig gleichen prominenten Blue Chips. Viele Handelsblatt-Leute trauern dem Konkurrenten aus Hamburg nach. „Man weiß heute ja gar nicht, wo man hingucken soll, um sich zu vergleichen“, beklagt einer.

Die FAZ bemüht sich in der gedruckten Version zwar weiter um größtmögliche Abdeckung und Kleinteiligkeit. Online spielen Unternehmen aber eine untergeordnete Rolle. Dass der frühere Wirtschaftschef des Blattes, Carsten Knop, jetzt die Website und andere digitale Produkte leitet, lässt zumindest hoffen.

„Final Times”: Letzte FTD-Ausgabe am 7. Dezember 2012. Mit der Headline spielte die Redaktion auf die fünf Jahre lang ausbleibenden schwarzen Zahlen an.

Das manager magazin, das Monat für Monat ein gedrucktes Spitzenprodukt abliefert, arbeitet sich in der digitalen Tagesaktualität meist an hippen Geht-immer-Themen wie Tesla oder Bitcoin ab. Und wer vom deutschen Ableger des amerikanischen Business Insider eine Belebung erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Die Seite, in den USA auf Tech, Entertainment-Industrie und Lifestyle fokussiert, liefert hierzulande eine wirre Story-Melange. Ernstzunehmende Stücke über Unternehmen gehören da allerdings nicht dazu. Stattdessen kümmert man sich lieber um das Sexleben der Leser. Für Kommunikatoren kaum eine Plattform, die als Adressat ihrer Storys und Botschaften taugt.

So wünscht man den Ex-FTDlern für Samstag eine prächtige Feier. Auch wenn viele heute noch wehmütig und bisweilen etwas verklärt an die Zeit bis Dezember 2012 zurückdenken: Sie sind nicht die eigentlichen Opfer der Einstellung. Den größten Verlust hat der deutsche Unternehmens-Journalismus erlitten.

*Der Autor hat in zwei Etappen insgesamt rund sechseinhalb Jahre für die Financial Times Deutschland gearbeitet und gehörte auch zu ihrem finalen Team.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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