Es werden immer mehr!

12.10.2018

Was und wie viel die Deutschen im Netz konsumieren

ARD und ZDF analysieren einmal im Jahr den Zustand der Internetnation Deutschland. Inzwischen mutet ihre Onlinestudie allerdings etwas aus der Zeit gefallen an. Die Kernfrage ist jedes Jahr, wie viele Deutsche im Internet seien. Mittlerweile wirkt das in etwa so, als würde man die Leute fragen, ob sie regelmäßig essen und trinken. Die Zahl, oh Wunder!, steigt jedes Jahr. Inzwischen sind 90 Prozent der Bürger online, fehlen also nur noch 10 Punkte bis zu den Essern und Trinkern.

Über 3 Stunden online

Tagesschau.de verleitete das zu der recht skurrilen Überschrift „Es werden mehr und sie bleiben länger“. Hört sich nach einer ungebetenen fremden Spezies an, die sichs auf der Erde gemütlich gemacht hat. Meint aber tatsächlich die Zahl der Internetnutzer, die immer mehr Zeit im Netz verbringen. Inzwischen verbringen die Deutschen täglich 3:16 Stunden im Netz.

Was als Hauptaussage der Studie vermarktet wird, ist im Grunde genommen völlig überflüssig. Nur, wer das Internet noch immer für Neuland hält, wird aufhorchen. Für die Erkenntnis, dass nur noch sehr alte Menschen und Freaks nicht im Netz sind, brauchen alle anderen keine Studie. Die Bürger zu fragen, ob sie im Internet sind, wird vielleicht schon 2019 so albern sein, dass man es einfach lässt.

Wofür nutzen wir unsere Zeit im Netz?

Interessanter wird es aber, wenn man sich die Zahlen etwas näher anschaut. Entgegen der in der Kommunikationsbranche immer wieder gehörten These, dass Text tot sei und Visuelles King, teilt sich die Online-Mediennutzung (im Schnitt 82 Minuten am Tag) zu ähnlichen Teilen in Sehen, Lesen, Hören auf. Die Zeit für das tägliche Lesen von Artikeln im Netz stieg gegenüber 2017 kräftig, und zwar von durchschnittlich 7 auf 30 Minuten. 25 Minuten täglich hören die Deutschen sich Sachen im Netz an. Dahinter stecken vor allem Spotify und Co. Der Podcast-Hype hat dagegen höchstens die Info-Elite erfasst. Podcasts bleiben im Gegensatz zu fast allen anderen Formaten ein Nischenprodukt. Radiosendungen und Podcasts auf Abruf – dafür fallen im Schnitt nur 5 Minuten täglich ab.

Vergleichsweise gering ist auch (noch!) die Nutzung von TV-Mediatheken. Hierauf entfallen ebenfalls nur 5 Minuten täglich. Die Mega-Serie „Babylon Berlin“ zeigt aber aktuell, dass ARD und ZDF selbst in der Hand haben, wie stark sich die Online-Plattformen im Vergleich zum linearen TV entwickeln werden. Wurden die Sendungen im Internet bislang meist zweitverwertet oder parallel gezeigt, gab es die Folgen von „Babylon Berlin“ in der ARD-Mediathek teilweise exklusiv. Folge: Die normalen TV-Quoten sanken deutlich, im Netz dagegen feierte Das Erste Rekorde. 3,39 Millionen Videoabrufe in gut einer Woche – das gabs noch nie. Zum Vergleich: Die letzten Folgen der ersten Staffel im üblichen TV sahen am Donnerstag im Schnitt 4,38 Millionen Menschen. Auch das Fernsehen lässt das Neuland also hinter sich.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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