BILD-Klage: Kampf dem Content-Ramsch

20.01.2017

BILD gegen Focus Online: Dirk Benninghoff über den Medienkampf der Woche.

Welchen Wert hat originärer Content? Um keine geringere Frage dreht sich der Beef der Woche, die Klage von BILD gegen Focus Online. In der allgemeinen Hyperventilation um Fake News (die fischerAppelt in der kommenden Woche mal wieder etwas runterfahren wird) drohte ein älteres Phänomen des Internet fast in Vergessenheit zu geraten: Plagiate. BILD hat es zurück auf die Agenda gebracht und geht gegen das Konkurrenzportal wegen übermäßigen Abschreibens vor.

Seit langer, langer Zeit hat Focus Online den BILD-Radar dermaßen scharf geschaltet, dass so gut wie jedes Exklusiv-Stück fast zeitgleich abgekupfert auf der eigenen Seite erscheint. Teilweise sind Push-Mitteilungen der Münchener vor der Original-Meldung der BILD-Kollegen auf dem Smartphone. Das ist besonders bei BILD-Plus-Inhalten, also Paid Content, bitter. In „guten“ Zeiten ist der gesamte First Screen von Focus Online mit aufgegriffenen Storys der Boulevard-Kollegen bestückt. Das liegt denen schon lange schwer im Magen und führte in der Vergangenheit immer wieder mal zu Attacken gen München.

Wozu also noch selber recherchieren, wenn man durch billiges Abkupfern zum Branchenführer wird?

Bloß ließen die sich davon nicht beirren. Immerhin brachten sie es durch den ganzen Fremd-Content zwischenzeitlich zu Platz 1 im deutschen Newssites-Ranking (nach Unique Usern, nicht nach Visits). Weshalb also ohne Not selbst recherchieren? Schließlich hatte Focus-Online-Chefredakteur Daniel Steil schon unmissverständlich klargemacht, was er von journalistischer Eigeninitiative hält: „In der digitalen Welt ist die Exklusivität nach genau einer Sekunde weg. Und dem Nutzer ist es total egal, wo er eine Nachricht liest.“ Kurzum: Für Steil ist ein Scoop nichts mehr wert, Investigatives verkommt zum Ramsch. Wozu also noch selber recherchieren, wenn man durch billiges Abkupfern zum Branchenführer wird? So greift die Burda-Seite weiter frisch, fröhlich, prominent BILD-Content auf. Wer am Freitag Focus Online anklickte, stieß als Erstes auf die Aussage von Dortmund-Stürmer Aubameyang, der nie zum FC Bayern wechseln will. Quelle: die erste Nummer der neuen Fußball BILD.

Die Haltung ist nichts weniger als eine Bankrotterklärung an den Online-Journalismus, der nach der Focus-Online-Lesart nur noch dazu da ist, bunte Bilder zu verbreiten, steile Thesen per Blog rauszuhauen und halt woanders abzuschreiben. Bloß, was macht Focus Online, wenn jeder diese Philosophie vertritt? Wo schreibt es ab, wenn keiner mehr interessante Storys recherchiert?

Und weiter gehts: BILD-Exklusives auf Focus Online am Freitag

BILD vs. Focus Online: Texte sind heute nur noch schmuckloser Rohstoff der medialen Grundversorgung

Die bedenkliche Entwicklung erzürnt nicht nur Axel Springer. BILD bekam nach der Meldung über die Klage auch Applaus von Menschen, die eine große Hemmschwelle überwinden müssen, bevor sie an der Marke und ihren Protagonisten irgendetwas loben. In Sachen Eigen-PR also ein Coup für das Massenmedium. Ob die Klage auch rechtlich gute Chancen hat? Nun, ein Selbstgänger wird sie kaum, schließlich zitiert Focus Online in den „eigenen“ Texten in der Regel sauber die BILD und schreibt nicht 1:1 ab. Gleichwohl hält sich das eigene Investment bei der Umgestaltung in engen Grenzen. Allerdings liegt der Wert der Springer-Klage vor allem in der Symbolik. BILD.de-Chef Julian Reichelt geht es um das „Wertvollste, was wir als Marke haben“. Damit meint er originären Content – dessen Wert längst in Vergessenheit geraten ist. Texte sind heute nur noch ein meist schmuckloser Rohstoff der medialen Grundversorgung.

Allerdings tragen BILD und Nachrichtenmedien generell eine Mitschuld an dieser Entwicklung. Mit dem Titel „meistzitiertes Medium“ schmückt sich das Boulevardblatt sehr gerne. Sprich: Eigentlich schätzt man es sehr, das Focus Online und andere – gerade so reichtweitenstarke – Medien die BILD zitieren. Zitationen in anderen Zeitungen, Newssites oder Sendern sind zum beliebten Marketing-Instrument geworden, nicht nur bei der BILD. Regionalzeitungen rufen Politiker mit der klaren Ansage an, sie bräuchten zitierfähige News. Mehr Zitationen, mehr Aufmerksamkeit – doch leider nicht mehr Leser. Denn denen scheint es wirklich egal zu sein, welches Medium die News exklusiv hatte. Da hat Steil leider Recht.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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