Endlich wieder BILD hassen

23.02.2018

Vom Krawallblatt zum liberalen Medium und zurück

Am Thema dieses Blogs ging diesmal kein Weg vorbei: Es war die Woche der BILD, die Woche des Julian Reichelt. Beleg: Sechs der zehn Top-Artikel auf der reichweitenstarken Branchenseite Meedia.de handeln von BILD oder zumindest von seinem Chefredakteur. Täglich neuer Stoff in einer irrsinnigen Groteske und fast alles dabei, was das Boulevard-Herz begehrt: Russen, Tiere, Betrüger, Sozis, Vergewaltiger.

Die liberale BILD

Deutschland lernt wieder die BILD zu hassen. In den letzten Jahren der Ära Diekmann und vor allem im Koch-Interregnum kam das einstige Kampfblatt zuletzt reichlich zahm rüber. Kritiker mussten – widerwillig – anerkennen, dass BILD liberaler geworden sei. Alte BILD-Scharfmacher sahen ihr Blatt dem Untergang geweiht und trauerten den Zeiten nach, als noch cholerische Sexisten und alkoholisierte Zyniker das Sagen auf der BILD-Brücke hatten und lebensbedrohende Randale gegen Ausländer wie in Rostock-Lichtenhagen 1992 verständnisvoll begleitet wurde.

Provokation, Emotion und Krawall

Mit diesen Vorgängern hat Julian Reichelt nicht viel gemein. Daran ändert auch #miomiogate nichts. Aber er hat erkannt, dass eine moderate BILD nicht funktioniert, überflüssig ist. Dass niemand BILD wegen Anlagetipps oder Promis im Urlaub auf der letzten Seite kauft. Provokation, Emotion und Krawall sind seit jeher Begleiter des Blatts, für das „Kampagne“ kein Schimpfwort ist. Eine solche ist natürlich das Dauerfeuer dagegen, dass SPD-Mitglieder über die GroKo entscheiden dürfen. Empörung kann blind machen, die arg peinliche „Titanic“-Nummer ist ein Beleg dafür.

Die Nummer mit dem Hund ist dagegen Boulevard-Stoff aus dem Lehrbuch. Dass BILD auch dafür Prügel bekam, zeigt vor allem die Humorlosigkeit vieler Kritiker. Auf die „Titanic“ hereinzufallen, schließt nicht aus, selbst Satire zu betreiben.

Was passiert, wenn Boulevard zu beliebig wird und keinen mehr aufregt, zeigen die Beispiele der der Bedeutungslosigkeit entgegen taumelnden Dumont-Blätter (Hamburger Morgenpost, Express). Die BILD hat in den vergangenen Jahren extrem Auflage verloren, auch der neue alte Kurs wird das nicht ändern. Dass die Website aber unter Reichelt extrem an Reichweite gewonnen hat, wird von Kritikern beim BILD-Abgesang gerne mal verschwiegen.

Mit einem, sagen wir mal eindeutigen, Aufritt bei „Hart aber fair“ diese Woche zum angeblich milden Umgang der Justiz mit Straftätern bediente Reichelt sein Scharfmacher-Image noch zusätzlich. Ob das thematische Überzeugung war oder nur dem eigenen Marken-Image dienen sollte, sei mal dahingestellt. Eines ist gewiss: Bis Kritiker wieder von einer liberalen BILD sprechen, wird es wohl ein wenig dauern.

Der Autor hat von 2013 bis 2016 knapp drei Jahre für BILD.de gearbeitet.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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