#DenizFree - Triumph der Trotzigen

16.02.2018

Wie hartnäckiger & solidarischer Protest in den Medien zu der Entlassung führten

Andreas Rüttenauer twitterte seit einem Jahr jeden Tag fast nur einen Satz. „Übrigens: #FreeDeniz“ schrieb der ehemalige taz-Chefredakteur jeden Tag aufs Neue. Wenn ich ganz ehrlich bin, fand ich das in seiner Trotzigkeit von Tag zu Tag alberner. Seit dieser Woche weiß ich: es sind genau diese unverdrossenen, hartnäckigen Beiträge – mögen sie auf den ersten Blick auch noch so sinnlos erscheinen – die es braucht, um Großes zu bewirken. Was zunächst der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim andeutete, wurde am Freitag wahr: Der in der Türkei inhaftierte deutsch-türkische Journalist Denis Yüzel ist frei. Aus #FreeDeniz wird #DenizFree

Solidarisch und hartnäckig

Nun hat natürlich nicht der engagierte Rüttenauer, der schon mal für den DFB-Sitz kandidierte, um auf dortige Missstände aufmerksam zu machen, den WELT-Korrespondenten Deniz Yücel aus seinem türkischen Gefängnis geschrieben. Aber was Yücels ehemaliger Kollege im Kleinen zeigte, demonstrierten andere wie der Springer-Verlag im Großen: Aufstehen, protestieren, solidarisieren und dann hartnäckig dranbleiben, ist nicht vergebens, mag es uns auch oft so scheinen. Die Freilassung von Yücel durch Erdogan ist der Beleg.

Protest der Medien

Er ist auch ein Beispiel dafür, welche Kraft Medien immer noch entfalten können. Ohne ihr dauerhaftes Engagement für den Inhaftierten hätte die Bundesregierung nicht den Druck ausgeübt, der jetzt zum Erfolg führte. Seit einem Jahr stehen Verlage so unverdrossen wie Rüttenauer für den WELT-Reporter ein. Nicht nur sein Arbeitgeber, sondern auch die taz, bei der er früher gearbeitet hat, und andere, auf den ersten Blick unbeteiligte Medien. Doch unbeteiligt, das gab es in der Causa Yüzel nicht.  Presse- und Meinungsfreiheit standen auf dem Spiel. Nicht nur in der Türkei. Das belegen die vielen Hater, die sich unter Yüzel-Texten in sozialen Netzwerken regelmäßig verewigen und ihm wünschten, er möge im Knast verrotten. Den Gefallen haben ihnen die Türkei und Yücel nun nicht getan.

Die Medien, denen häufig – und häufig auch zu Recht – vorgeworfen wird, Themen häufig nur kurz und grell, aber selten nachhaltig zu bearbeiten, erkannten dies und blieben dran. Beste Belege: Die Lesung aus einem neuen Buch des Journalisten, die die taz ein Jahr nach der Inhaftierung Yücels am Mittwoch dieser Woche in Kreuzberg unter anderen mit Anne Will und Herbert Grönemeyer abhielt. Und Springers seit einem Jahr auf dem eigenen Hochhaus installierter, weithin über Berlin sichtbarer #freedeniz-Aufruf.

#DenizFree

Oft mag das Eintreten für die Pressefreiheit wie ein Lippenbekenntnis klingen. Und auch wirkte natürlich so manche Aktion eher niedlich, einiges auch sehr pathetisch. Aber alles hatte seine Berechtigung. Und alles in seiner Gesamtheit führt zum Erfolg – und zum schönsten Sieg, den Deutschlands Journalismus in den vergangenen Jahren errungen hat.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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