Der Brexit & die Folgen für die Healthcare-Branche

25.07.2016

Ein Gespräch mit Dr. Danner, der in Brüssel die Dt. Sozialversicherungen vertritt.

Dr. Günter Danner ist Stellvertretender Direktor Europavertretung der Deutschen Sozialversicherungen in Brüssel. Unsere Healthcare-Unit hat mit ihm darüber gesprochen, welche Möglichkeiten und Risiken der Austritt Großbritanniens aus der EU auf den Gesundheitsmarkt und die Krankenversicherungen haben könnte.

Herr Dr. Danner, gefährdet der Brexit die Zukunft des britischen Gesundheitssystems?

Wohl kaum. Der britische NHS (National Health Security/der nationale Gesundheitsdienst in Großbritannien und Nordirland) existiert seit 1948 und ist als Institution fest in den politischen Interessensströmungen verankert. Selbst Frau Thatcher, die einst versuchte, ihn durch „marktnähere“ Versorgungsformen zu ersetzen, hat diese Idee rasch fallen lassen. Als Markt bleibt Großbritannien auch außerhalb der EU für die Pharmaindustrie interessant. Die versorgungswissenschaftlichen Erkenntnisse, etwa von NICE, würden ihrerseits vermutlich auch weiterhin auf dem Kontinent ausgewertet. Manche rechnen mit „mehr Sparpolitik“, gerade im sozialen Bereich, etwa als Folge des angestrebten EU-Austritts. Hier glaube ich mittel- und langfristig eher an das Gegenteil. Jede neue britische Regierung, die das Referendum umsetzt, wird dies eher mit gezielten sozialen Verbesserungen verbinden, um sich der Wählerschaft zu empfehlen. Eben diese, also mehr Geld, hätte der NHS bitter nötig. Nota bene gilt dies wohl nicht für Verbesserungen im Sozialhilfebereich oder bei Arbeitnehmerrechten.

Lassen sich die Folgen des Brexit für die Pharmabranche heute schon abzeichnen? Welchen Einfluss hat dieser auf F&E, Zulassungen und Patientenversorgung in der EU?

Noch ist vieles recht spekulativ. Dennoch sind Veränderungen zu erwarten. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA wird das Land verlassen, was weniger mit Versorgungsfolgen für die Briten verbunden ist. Zulassungsfragen für den britischen Markt wären wieder eine rein nationale Entscheidung, es sei denn, man fände zu neuen Formen der Zusammenarbeit. Dies macht es für die kontinentale Industrie ebenso umständlicher wie umgekehrt für die britische. Im Bereich F&E könnte Doppelarbeit eventuell vermehr zur Regel werden. Die Patientenversorgung hingegen bleibt primär Aufgabe nationaler Sozialsysteme und dürfte daher davon weniger betroffen sein als von anderen Gefahren, wie wir sie in vielen EU-Systemen derzeit sehen, allen voran die staatlichen Überschuldung. Hier sollte man genau Ursachen und mögliche Folgen beleuchten, da viele soziale Sicherungssysteme in überschuldeten EU-Staaten bereits seit Jahren nicht mehr richtig funktionieren.

Wird die Bedeutung von NICE als „Best Practice“-Referenz in Sachen Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln abnehmen?

NICE dürfte bleiben, was es war und ist – primär eine national wirksame Einrichtung. Bedingt durch ihre fachliche Kompetenz und wissenschaftliche Präsenz wird man an anderen Orten wohl auch künftig in bestimmten Fragen der Versorgungssteuerung dorthin schauen, ohne die britischen Realität notwendigerweise immer zu kopieren. Wir haben dies ja auch getan, ohne jemals das QALY-System (Quality Adjusted Life Years) zu übernehmen.

Gewinnt Deutschland durch den Brexit als Pharmastandort an Bedeutung?

Der deutsche Pharmamarkt bleibt für die Industrie entscheidend in der EU. Dies liegt ganz besonders daran, dass bei uns die sozialfinanzierten Kostenträger in anderswo so kaum verbreitetem Umfang eine mangelfreie Versorgung sicherstellen. Unser Sozialsystem ist mithin Garant für den Zugang zu aufwändiger Diagnostik und Therapie. Es ist solvent und im Rahmen vernunftorientierten Handelns unter Abwägung von möglichst vielen Aspekten zukunftsfähig. Viele andere EU-Sozialsysteme, man denke an den Extremfall Griechenland, sind davon weit entfernt. Die Versorgungswelten entwickeln sich mithin auseinander, bis hin zu drittweltartigen Realitäten an bestimmten Stellen. Viele andere EU-Pharmamärkte leiden bereits heute daran, dass die Finanzierungsfähigkeit der örtlichen Sicherungssysteme sinkt.

Sollte die EMA umziehen? Und wenn ja: Kommt Deutschland als neuer Standort der EU-Arzneimittelbehörde in Frage?

Vermutlich wird die EMA als EU-Agentur in ein Mitgliedstaat umziehen, sobald der Austritt Großbritanniens vollzogen ist. Schon heute hört man, dass viele sie haben möchten. Warum nicht Deutschland? Allerdings wird dies ein reines Politikum mit komplexen Formen der Interessenwahrung.

Im Hinblick auf Ihre doppelte Staatsbürgerschaft: Wo werden Sie sich zukünftig medizinisch behandeln lassen? In GB oder lieber in Deutschland (also in EU-Mitgliedsstaaten)?

Ich lebe sehr lange hier in Deutschland und bin sehr zufrieden damit, mich bei Bedarf hier gut versorgt zu wissen. Unser deutsches System der gesetzlichen Krankenversicherung bietet im internationalen Vergleich viele Vorteile, zum Beispiel Wahlmöglichkeiten, Selbstverwaltung statt unmittelbarer Staatsverwaltung und ein umfangreiches Leistungsspektrum. Viele andere Systeme möchten auch mehr tun, sind allerdings politisch lokal nachrangig und ökonomisch schwach. In manchen EU Staaten, ich denke erneut an Griechenland, haben mehr als drei Millionen Menschen keine soziale Gesundheitsversorgung mehr. Manchmal glaube ich, dass nicht alle bei uns begreifen, wie gut es hier so im Allgemeinen läuft, auch wenn es nicht gerade perfekt sein mag.

Dr. Günter Danner, M.A., Ph.D. Stv. Direktor Europavertretung der Deutschen Sozialversicherungen in Brüssel

Zur Person

Seit 24 Jahren vertritt Dr. Günter Danner die Deutschen Sozialversicherungen (DSVEV) in Brüssel. Seine Beratungstätigkeit für den Vorstand der Techniker Krankenkasse in Hamburg übt er seit nunmehr 34 Jahren aus. Die berufliche Laufbahn führte den studierten Ökonomen und Wirtschaftshistoriker bislang unter anderem in die USA, nach Großbritannien, Südafrika, Schweden, Frankreich und Belgien.




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