Der Scheiter-Haufen

29.06.2018

Wie Sponsoren mit dem WM-Aus unserer Nationalelf umgehen

Schland ist untergegangen und seine Bewohner können es kaum fassen. Das Vorrunden-Aus der Fußballnationalmannschaft trifft das Land vollkommen unvorbereitet. Das mediale Echo lässt keine Grautöne zu. Zu eindeutig die Sachlage. So etwas ist uns schließlich noch nie passiert. Außer „uns“ und Brasilien war aber jede Nation schon mal in Qualifikation oder Vorrunde dran, was die vermeintliche Katastrophe eigentlich verkraftbar macht. Hätte man sich im Vorfeld nur nicht mit so viel Häme an Niederländern und Italienern abgearbeitet. Letztere wurden übrigens vier Jahre nach schmachvollem Achtelfinal(immerhin!)-Aus Weltmeister. Das Dumme für „uns“: Eigentlich ist erst wieder in acht Jahren WM, wie die BILD vorrechnet.

Scheiter-Geschichten sind die neuen Gewinner

Gibt man am Freitagvormittag „Scheitern“ auf Google ein, dann spuckt einem die Suchmaschine als einen der ersten Treffer eine Analyse zum DFB-Team aus. Das müsste den Sponsoren der Nationalmannschaft doch eigentlich gefallen. Schließlich predigen Evangelisten aus Tech, Marketing, Management doch seit Jahren allenthalben, dass wir alle ständig scheitern müssen, bevor unsere Innovationen die Welt besser machen. Das Scheitern ist längst in den Rang des Gewinnens erhoben. Gründer protzen mit Scheiter-Geschichten wie mit Statussymbolen. Ohne Scheitern geht gar nichts mehr. Da trifft der Scheiter-Haufen, der sich Nationalmannschaft nennt, doch voll den Zeitgeist.

Nun könnte man mutmaßen, dass sich die Sponsoren das zunutze machen, um dem Debakel noch etwas abzugewinnen. Scheitern als Chance. Doch weit gefehlt. Zwar fehlt es nicht an Bekenntnissen zur Nationalelf („Wir verlieren auch zusammen“, „So ist Sport“ etc.), aber sehr wohl an kreativen Lösungen, mit der neuen Situation umzugehen. In Dauerschleife läuft zwar der Samsung-Spot mit dem seit vier Jahren ständig scheiternden Mario Götze, der die Fußballer-Marketing-Phrase #comebackstronger filmisch umsetzt. Aber der Dortmunder war ja in Russland nicht mal dabei. Mit Mesut Özil würde das Ganze natürlich weit mehr Sinn machen. Doch der darf weiter fröhlich durch den Adidas-WM-Spot springen.

Einen Plan B hat kein Marketer deutscher Unternehmen in der Schublade gehabt. Ausländische Unternehmen dagegen kosten das Ganze mit Wonne aus. So preist die irische Fluglinie Ryanair auf Twitter wortspielerisch „Löw fares“ an – und springt damit stellvertretend für Holländer und Italiener als Rächer der Verspotteten in die Bütt. Auch die Iren waren nicht qualifiziert.

Die kreative Beschäftigung mit dem Untergang

Die Hälfte der WM ohne deutsche Beteiligung – das war hierzulande ganz einfach unvorstellbar. Doch etwas mehr Spontaneität, vor allem im Social Web, hätte es schon sein dürfen. Schließlich ist es in Zeiten des Scheiter-Hypes so einfach, dem Ausscheiden etwas Gutes abzutrotzen. Mercedes zeigte mit einem Tweet zumindest in Ansätzen, wie das funktionieren kann.

Auftrag ans Nationalteam fürs nächste Turnier auf jeden Fall: „Fail better“. Von zweitem waren die Kicker diesmal schließlich weit entfernt.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog