Die Autoindustrie profitiert von AR

26.06.2017

Die Branche hat VR- & AR-Technologien in vielen Bereichen schon fest integriert.

Oliver Geißel steht vor einem Karosserie-Element, das auf einer Metallstütze liegt. In seinen Händen hält er ein Tablet. Was nun folgt, ist beeindruckend: Mithilfe einer Mixed-Reality-App, die eine virtuelle Kopie des Karosserieteils auf dem Tablet zeigt, lässt er das virtuelle mit dem echten Automobil-Element verschmelzen. Das funktioniert automatisch. Ab jetzt kann Geißel, der bei Mercedes-Benz als Manager Equipment Planning Methods fungiert, auf seinem Tablet zwischen echter digitaler und virtueller Welt wechseln – und beide Realitäten in Form einer AV-Darstellung kombinieren. Wenn er sich mit dem Tablet bewegt, verändern sich Größenverhältnisse und Perspektiven der digitalen Kopie.

AR in der Automobilbranche: Analyse, Ausbildung und Planung

Geplant wurden Form und Konsistenz des Bauteils zuvor weitgehend am Computer, anschließend wurde ein Prototyp gebaut. Ein Konstrukteur kann nun per AV-Equipment den realen Prototyp des Bauteils per VR in ein virtuelles Automodell „einbauen“. Seine Handgriffe führt er scheinbar im luftleeren Raum aus, doch eben diese werden per VR auf den Bildschirm übertragen, so werden sie beinahe real. „In VR kann man Objekte, die nur als Pläne in einem Computer existieren, ganz anders erleben und begreifen als auf einem Bildschirm“, erklärt Ralf Dörner, Professor für Computergrafiken und Virtual Reality an der Hochschule RheinMain. Dabei profitiere man in VR davon, dass man mit dem Computer recht natürlich interagieren könne. „Will man sich in der VR umschauen, dreht man einfach den Kopf, wie man es auch in der Realität machen würde – man muss die Bedienung eines Computersystems also nicht so mühsam erlernen“, sagt Dörner.

Augmented Reality ist besonders interessant für die Industrie 4.0

Wenn alles passt, geht das Karosserie-Bauteil in die Massenproduktion und in die Werke – passgenau und ohne, dass ein Konstrukteur zuvor hätte daran Hand anlegen müssen. Das spart Ressourcen. Auch lässt sich nun per App das analoge Bauteil mit dem virtuellen Ideal zur Analyse vergleichen, und Mechaniker können ihre Handgriffe auf diese Weise zunächst virtuell erlernen.

Für Ulrich Bockholt ist das nichts Neues. Er ist am Darmstädter Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (kurz: IGD) für die Abteilung Virtuelle und Erweiterte Realität zuständig. Der Doktoringenieur aus Darmstadt forscht schon seit 1996 im Bereich Augmented Reality. „Für die Forschung ist AR bereits ein sehr etabliertes Thema“, sagt Bockholt. „Schon damals wurden viele Szenarien konzipiert und Prototypen entwickelt, die heute in Unternehmen umgesetzt und vermarket werden“, erklärt er weiter.

AR sei vor allem eine Grundlagentechnologie in Industrie-4.0-Szenarien, in denen reale und simulierte Fertigungsprozesse fortwährend abgeglichen werden. „Diese Technologie wird zum Beispiel in der Automobilindustrie schon routinemäßig eingesetzt, um Differenzen zwischen CAD-Welt und realer Fertigungsumgebung zu identifizieren.“

Einige Geräte sind schon weit

Im Bereich VR sind Forschung und Technologie schon recht weit: „VR-Technologien sind schon längst im Massenmarkt angekommen“, sagt Bockholt. Ein Meilenstein der Entwicklung von AR-Brillen sei sicherlich das System HoloLens von Microsoft, „weil hier nicht nur eine hohe Qualität des See-Through-Displays erreicht wurde, sondern weil das System auch eine komplexe Sensorik integriert, über die die Nutzerinteraktion und das Tracking der Kamerapose realisiert werden kann“, sagt der VR/AR-Experte. „Dieses System hat durchaus das Potenzial, Augmented Reality in den Massenmarkt zu bringen.“

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Foto: Daimler

Frank Schliefer

beschäftigt sich bei fischerAppelt mit kanalübergreifenden Bewegtbildlösungen und digitalen Trends.




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