Die CeBIT im digitalen Zeitalter

23.03.2015

Noch immer haben große Messen ihre Berechtigung – wenn sie auf direkte Kommunikation setzen.

Mit dem Schülerferienticket zur CeBIT: Für mich in den 90er Jahren ein echtes Fest. Volle Züge, laute Musik, ein Hersteller versucht, den anderen zu übertrumpfen. In die Hallen strömten Promomaterial-Abstauber in Schulklassengröße. Und stets wurde kräftig gefeiert. Das war aber auch der Zeit geschuldet. Computer waren etwas Neues, wurden massenkompatibel. Das Interesse in einer breiten Bevölkerungsgruppe war riesig. Außerdem gab es weniger Medien, mit deren Hilfe man sich hätte informieren können. Aber irgendwann waren die Aussteller frustriert und die Entscheidung, aus der weltgrößten IT-Leistungsschau wieder eine reine B2B-Messe zu machen, war sicher richtig. Und heute, in Zeiten der Digitalisierung – wie sieht da eine moderne Trade Show aus? Ich frage mich, was die CeBIT von Konferenzen wie der next oder der re:publica lernen kann, die ich sonst besuche. Hier der Bericht einer Re-Visite.

Der erste Eindruck

Etliche Aussteller präsentieren sich immer noch in 08/15-Standabteilen wie damals. Tastaturstaubsauger und Router attraktiv zu präsentieren, ist scheinbar eine schwierige Mission. Buzzwords wie „Mobile Data Center Single Container Solution“ prangen an den Ständen. Nach Highlights muss man suchen, aber es gibt sie: Zum Beispiel das Konzept der CODE_n-Halle. Beratungsfirmen wie EY oder Accenture und der Cloud-Anbieter Salesforce haben sich zusammen getan, um mit dieser Internet-of-Things-Leistungsschau Interesse bei Fachbesuchern zu wecken und diese dann an ihre Stände zu lotsen.

Roboter und Espresso

Da schneiden Roboter Kunststoffblöcke im Akkord, gesteuert wird das Ganze mit Salesforce-Software. Zum Mitmachen gibt es ein Webinterface.

Die ganze Halle wurde umgestaltet und mit Einbauten versehen. Hier fühlt man sich schon eher wie auf einer Web-Konferenz und nicht wie auf der guten alten CeBIT. Es gibt kostenlosen Espresso von Illy, Gründer zum Anfassen und teilweise gute Vorträge.

Vom Startup bis SAP

Erwähnenswert auch die SCALE 11: Ganz unterschiedliche Startups präsentieren sich hier. Anscheinend kostengünstig, die Halle wirkt beim Betreten wie ein Flächen-Schlussverkauf. Da geht noch was. Startups wie Fitogram, Mila oder Visalyze lassen sich davon nicht abschrecken und kommen mit vielen Besuchern direkt ins Gespräch. Beeindruckend auch die Halle 4. SAP setzt auf eine riesige Holzinstallation statt auf konventionellen Standbau.

Wirtschaftswunder 4.0

Die große Show dann bei der Telekom. Hunderte magentafarbene Schirme und ein Roboterballett weisen den Weg zum Stand, der in diesem Jahr unter dem Motto „Wirtschaftswunder 4.0 – digitalization made in Germany“ und „Life is Sharing“ stand.

Auf großen Bildschirmen werden Cases präsentiert, die zeigen, wie Unternehmen von der Digitalisierung profitieren. Dazu zählt etwa das Beispiel Gilette Box „Perfect Shave“. Auf der Bühne ein buntgemischtes Programm aus Vorträgen, Preisverleihungen und Musikacts. Servicepersonal mit Trolleys verteilt Snacks und Getränke. Das waren die CeBIT-Momente die hängengeblieben sind bei rund 50 Prozent aller Hallen, die ich besucht habe.

Natürlich gibt mein Rundgang nur subjektive Eindrücke wieder. Zwar inszenieren die Aussteller auf der Messe nach wie vor auch ihre neuen Produkte und Services. Austausch, Inspiration und Diskussion stehen jedoch immer mehr im Vordergrund. Hersteller laden ihre Kunden ein und pflegen so nachhaltig die Geschäfte für die Zukunft. Einfach nur „interessiertes“ Fachpublikum möchte inspiriert werden.

Gute Gründe für eine Messe in Zeiten der Digitalisierung

Als Kontaktplattform funktioniert die CeBIT immer noch bestens. Und das sind auch die Argumente für eine Messe in Zeiten der Digitalisierung. Denn noch immer bleiben viele Fragen digital unbeantwortet. In punkto Inspiration und Begeisterung ist Luft nach oben. Die „Global Conferences“ mit Formaten wie „Rock the blog“, sind ein Schritt in die richtige Richtung.

Atmosphäre zu schaffen ist Aufgabe der Aussteller. Mehr Mut zum Anders sein lohnt sich. Graue Mäuse gibt es genug. Das muss nicht wieder im Kostenwettkampf enden, auch einfache, aber ästhetisch durchdachte Standkonzepte überzeugen. Ich bin gespannt wie die nächste CeBIT aussehen wird und vor allem ob der Morphsuit überlebt.

fischerAppelt arbeitet für die CODE_n im Bereich Bewegtbild sowie für T-Systems im Marketingbereich. In die Gestaltung der erwähnten Messestände sind wir nicht involviert. Die Gillette-Box wurde von einem ehemaligen fischerAppelt-Mitarbeiter entwickelt.

Christian Clawien

beschäftigt sich bei fischerAppelt mit digitalen Themen, der Tech-Branche und vermittelt zwischen Marke und Zielgruppe.




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