Halbgares Journalisten-Fernsehen

21.04.2017

Die ARD-Mediendoku „Die nervöse Republik” im Neuigkeiten-Check.

Mittwochabend riskierten Deutschlands Online-Journalisten, die morgens meist früh aus den Federn springen, während sich die betagten Printkollegen noch mal umdrehen, Schlafmangel und Augenringe. „Die nervöse Republik“ stand auf dem ARD-Programm. Recht spät, nach den Tagesthemen, was völlig in Ordnung ging, denn so richtig interessant war die Doku über vermeintlich aufgeregte Politiker und Medienschaffende nur für „Lügenpresse“-Schreier und für Journalisten.

Szene aus „Die nervöse Republik” von Stephan Lamby

Von denen gab es schließlich einige bei der Arbeit zu beobachten, und wer als kleiner Lokaljournalist noch nicht bei Spiegel Online und BILD zu Gast war, weiß jetzt immerhin, wie es in bei den ganz Großen in Newsrooms und in Konferenzen zugeht. Einige wichtige Protagonisten kamen zu Wort. Selbst Kai Diekmann, der BILD war und es bemerkenswerterweise quasi ohne TV-Präsenz zum Branchen-King gebracht hat, machte mit. Es gab verdatterte SPIEGEL-Leute zu bedauern, die der Brexit frühmorgens aus den Latschen kippte. Und einen Mann von der Sächsischen Zeitung, der sich ganz rührend bemühte, Pegida-Sachsen von seiner Redlichkeit zu überzeugen, außer vielem „sööö“ und „nööö“ aber nicht viel zurückbekam. Was ihm der Zuschauer in dem Moment gönnte, in dem er als Beleg für sein ehrenwertes Werk stolz wie Bööölle die Skalps mehrerer Landespolitiker aufzählte.

Die ARD kommt ihrem Bildungs- und Aufklärungsauftrag nach

Es ist gut und wichtig, dass das Erste das Zusammenspiel von Medien, Bürgern und Politik auf einem immer noch annehmbaren Sendeplatz thematisiert hat. Viel zu selten ist Journalismus abseits von Ghettos wie dem Medienmagazin Zapp ein Thema im Fernsehen, was sehr schade ist, denn Medien spielen schon in anderen wichtigen Bereichen des Lebens wie der Schule keine große Rolle. Gerade in Zeiten, in denen Journalisten angezweifelt und auch angefeindet werden wie nie zuvor und sich via soziale Medien eine Gegenöffentlichkeit gebildet hat, kommt das öffentlich-rechtliche Fernsehen hier seinem Auftrag nach.

Jedoch hinterlässt das Werk des vielfach prämierten Filmers Stephan Lamby den Zuschauer, auch den, der sich über die vielen Kollegen und Einblicke gefreut hat, ratlos. Sehr ratlos. Was auch daran abzulesen ist, dass die zahlreichen Filmkritiken in komplett unterschiedliche Richtungen gingen. Für den einen hat Lamby nur belegt, dass es seine Berliner Blase gibt, andere finden den Zustand seiner Protagonisten nicht aufgeregt genug, wieder andere meinen, er habe die Irritationen des modernen Journalismus abgebildet. Jeder hat einen anderen Film gesehen. Einig waren sich fast alle, dass es nicht der große Wurf war.

Filterblasen und Krisenmodus: „Die nervöse Republik”

Wenn Kai Diekmann den Zuschauern erklärt, wie auf Facebook eine Filterblase entsteht, ist der Erkenntnisgewinn im April 2017 nicht gerade üppig. Auch, dass bei turbulenten Newslagen wie dem Brexit die eine oder andere Eilmeldung auf die Smartphones der Leser geschickt wird, dürfte selbst weniger Kundige kaum verblüffen. Und selbst in seeligen Prä-Internet-Facebook-Push-Alarm-Zeiten gab es tatsächlich jede Menge Ereignisse, die Journalisten erst mal sprachlos gemacht haben. Oder glauben Sie, der Bonner Zirkel sei mit dem Siegeszug der strickenden Ökos von den Grünen sofort klargekommen?

Auf jeden Fall bilden der Film und sein etwas reißerischer Titel das große Gewese um die ach so aufgeregten und einzigartig hasserfüllten Zeiten nicht nur ab, sie verstärken es. „Die nervöse Republik“ bedient den fortwährenden Krisenmodus, in den wir inzwischen geschaltet haben.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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