Digitalisierung im Dreieck

19.08.2014

Wie Deutschland seine Transformationsagenda sortiert.

Am Mittwoch, Mitte August 2014, ist es so weit: das Kabinett beschließt die „Digitale Agenda“, nachdem die Entwürfe schon seit einem Monat kursieren. Es ist abzusehen, dass die drei beteiligten Minister später am Tag vor die Presse treten und sie zu dritt der Öffentlichkeit präsentieren werden. Zuständig sind das Innenministerium, das Infrastruktur-Ressort (Verkehr) und das Wirtschaftsministerium. Und wieder wird es Häme erzeugen, dass es drei Regierungsmitglieder sind und sich die Politik eben nicht auf einen Digitalapostel einigen konnte.

Bundesminister für Wirtschaft und Energie Sigmar Gabriel (Mitte), Bundesminister des Inneren Dr. Thomas de Maizière (rechts) und Bundesminister für Verkehr und Digitale Infrastruktur Alexander Dobrint (links) im März auf der CeBIT. Bild: BMWi/Janto Trappe

Wer aber Häme über die Politik ausschüttet, hat sich Deutschlands DAX-Unternehmen noch nicht richtig angeschaut. Dort liegt das Digitale häufig in deutlich mehr als drei Händen und es gibt schlicht keine „Digitale Agenda”. Wir sind zwar stolz auf Errungenschaften wie Compliance- und Legal-Vorstände für die Defensive. Einen Digital-Vorstand indes für die Offensive mag sich niemand leisten.

Ich will mich nicht einreihen in den Chor derer, die beklagen, dass es kaum eine deutsche Digitalwirtschaft gäbe. Kein Google, kein Apple, kein Amazon, kein Microsoft, kein eBay und auch sonst nichts Originäres, außer vielleicht good-old-SAP. Ich denke, wir haben da durchaus unsere Stärken bei Siemens, Daimler, Bosch, Telekom oder dem Landmaschinenhersteller Claas und bei den vielen anderen mittelständischen Weltmarktführern.

Nur – so konkret hat diese Stärken noch keiner so richtig auf den Punkt gebracht. Der digitale Mechatroniker oder die Netzsensorik spielen irgendwie eine Rolle, was Hartes eben und was Weiches. Tiefer durchdacht, komplexer, technischer irgendwie, stärker im B2B und nicht so gut im Marketing und beim Konsumenten. Und natürlich werden die ersten wirklich serienreifen autonomen Autos S-Klassen sein und keine Google Cars. Ein kleiner Schuss europäisches Konkurrenzdenken gegenüber dem American Way of Life ist als Ansporn bei uns bereits sichtbar. Dass Kai Diekmann den Silicon-Valley-Manager-Tourismus begonnen hat, war trendsetzend. Aber wer sich jetzt noch mit geschäftstouristischen Kalifornienreisen medial profilieren wollte, wirkt irgendwie verspätet. Lieber mal die Google-Kollegen nach Sindelfingen, Harsewinkel oder an den Berliner Balken einladen und ihnen zeigen, was so geht.

Deutsche Digitalexperten heißen auch nicht Zuckerberg, sondern Bauernhansl, Klocke, Anderl und haben gemeinsam, dass sie einer breiten Öffentlichkeit tendenziell unbekannt sind.

Damals, als die Servicegesellschaft en vogue war und die Industrie langweilig, ähnelte es der heutigen Diskussion. Bei uns wurde nicht die Industrie weggefegt, sondern behalten, verbessert – und das hat unser Wirtschaft gut getan. Gelernt haben wir auch, denn man bekommt heute im Zug (natürlich dem besten Zug der Welt) wieder einen ordentlichen Kaffee (jedenfalls verglichen mit amerikanischen Zügen oder Flugzeugen). Nach der Servicegesellschaft ist eben heute die digitale Transformation dran. Hoffentlich kippen wir auch heute die Mechanik nicht gleich aus.

Was mich wurmt ist aber, dass es immer so schwer ist, es zu profilieren, zu kommunizieren, zu fokussieren und ein gewisses Selbstbewusstsein dabei zu behalten, nicht gleich ganz so selbstkritisch zu werden. Um zu den DAXen zurück zu kommen: Sie könnten mit Hilfe eines digitalen Profils und geordneter Zuständigkeiten nicht nur ihre Transformationsagenda verbessern, sondern auch ihren Unternehmenswert. Denn die Analysten mögen das Thema gerade sehr.

Deshalb gilt: Was die Regierung vormacht, ist vielleicht nicht genau genug, nicht weit genug, nicht tief genug. Aber für die meisten deutschen Unternehmen ist es ein guter Anlass, selbst eine „Digitale Agenda“ zu entwickeln und die eigenen Zuständigkeiten zu sortieren. Die fangen nämlich am besten nicht bei drei oder vier an, sondern – natürlich – bei eins.

Bernhard Fischer-Appelt

Agenturgründer, Vorstand und ebenso kreativer wie strategischer Kopf. Stößt Innovationsprozesse an und brütet ständig was Neues aus.




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