DinnerTalk mit BILD.de-Chef Julian Reichelt

14.06.2016

Bei unserem Frankfurter Event ging es um die (digitale) Zukunft der Medien.

Unser Chefredakteur Dirk Benninghoff plauderte am vergangenen Donnerstag bei unserem diesjährigen DinnerTalk in Frankfurt mit BILD Digital-Chef Julian Reichelt in entspannter Atmosphäre über die Zukunft des Journalismus. Wir haben fünf zentrale Thesen des Gesprächs festgehalten:

  1. „Messaging-Journalismus“ beispielsweise über WhatsApp hat enormes Potential – der Medienkonsum passt sich der privaten Kommunikation immer mehr an.
  2. Text und damit das Wort verlieren weiter an Wert. Wer allein guter Schreiber ist, hat im Journalismus keine Zukunft mehr.
  3. Nur digitale Medien können den Wunsch der User nach vielfältigen Formaten bedienen.
  4. Die Frage, wo sich Leser und User aufhalten, muss im Vordergrund stehen – heute sind das vorrangig Online-Kanäle.
  5. Medien sind zunehmend nicht länger Gatekeeper für Informationen – der User will keine Einordnung mehr.

Julian Reichelt ist ein großer Muhammad-Ali-Fan. Unter anderen Umständen wäre er zum Begräbnis des größten Boxers aller Zeiten geflogen und hätte als BILD-Reporter aus Louisville berichtet. Doch dazu hätte er den DinnerTalk absagen müssen – und er wollte seinen Ex-Kollegen Dirk Benninghoff sowie die rund 50 Teilnehmer aus Wirtschaft und Medien nicht enttäuschen.

An Ali schätzte der BILD.de-Chefredakteur, dass er stets laut und unbequem war, immer eine klare Haltung zeigte. Genau wie sein Arbeitgeber, die BILD-Zeitung, die Reichelt in den vergangenen Jahren auf das digitale Zeitalter getrimmt hat und auch weiterhin auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet.

Über diese Aufgabe berichtete der renommierte Journalist an diesem Abend ausführlich und schlug dabei immer wieder den Bogen zu den großen Herausforderungen der klassischen Publikationen und auch der Unternehmen in der heutigen Medienlandschaft in Deutschland.

Messenger werden ein immer wichtigerer Kanal für Medien

Alle Akteure müssten sich darauf einstellen, dass sich der Medienkonsum immer stärker der Kommunikation unter den Menschen angleicht. Das bedeutet, dass Messenger die Kanäle der Zukunft sind. Die Redaktion von BILD arbeitet bereits mit Instrumenten wie Slack anstatt der klassischen Mail. „Es handelt sich dabei um ein absolut demokratisches Tool, weil einfach jeder mitmachen kann und gehört wird. Das ermöglicht totale Transparenz und bringt auch Vorteile hinsichtlich der Prozesse und damit Geschwindigkeit“, betont Reichelt.

„Ware“ Wort verliert an Wert – Fotos und Videos gewinnen an Bedeutung

Im Gespräch mit Dirk Benninghoff machte Reichelt aber auch deutlich, dass er davon überzeugt ist, dass es neben der gedruckten BILD auch viele weitere Print-Produkte noch lange geben wird. „Die Menschen sind es gewohnt, die Zeitung zu lesen. An häufig bemühte Argumente wie das haptische Erlebnis, das man beim Lesen eines Print-Produkts haben soll, glaube ich dabei nicht“, erklärt Reichelt. Generell habe die Ware „Wort“ auf dramatische Weise an Wert verloren – visuelle Produkte wie Fotos und Videos werden für Medien und Unternehmen dagegen immer bedeutender.

Leser und Nutzer auf ihren bevorzugten Kanälen erreichen

Medienhäuser dürften Print und Online nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen Menschen mit Inhalten dort erreichen, wo sie sich aufhalten. Aus seiner Sicht gibt es dabei zwei entscheidende Kanäle: Facebook, schon aufgrund der bestehenden riesigen Userzahlen, und Snapchat, wo Reichelt enormes Wachstumspotential sieht und das damit zukünftig wohl zu einem der wichtigsten Kanäle wird – auch für die klassischen Medien selber. Gleichzeitig würden Branded Content und Native Advertising immer interessanter. „Digital Natives akzeptieren diese Formen von Inhalten eher als beispielsweise klassische Bannerwerbung“, stellt Reichelt heraus.

Journalisten und klassische Medien sind nicht länger alleinige Lieferanten von Informationen

Digitale und soziale Medien weichen zudem das über lange Jahre existierende Quasi-Informationsmonopol der Journalisten auf. „Plötzlich merken wir, dass die Menschen mit der einseitigen Informationsvermittlung unzufrieden sind“, so Reichelt. Die User-Sicht habe sich gewandelt, sie sehen Information mittlerweile verstärkt als Kommunikation und gestalten den Informationsaustausch über digitale Medien mit.

In dieser neuen Gemengelage müssten Unternehmen und Marken ihren Platz in vielen Fällen erst noch finden. Entscheidend sei aber, so Reichelt, dass Unternehmen anfangen müssen, sich als Medienmarken zu verstehen. „Viele Firmen müssen ihre eigene Marke als Newsroom denken“, unterstreicht der BILD-Digital-Chef. Das habe auch Auswirkungen auf die Wahl der Kanäle.

Unternehmen und Marken müssen in neuen Kanälen laufen lernen

Hillary Clinton hat bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur für das Präsidentenamt beispielsweise gänzlich auf eine Pressekonferenz verzichtet. „Stattdessen hat sie einen einfachen, aber extrem effektiven Weg gewählt und auf YouTube als reichweitenstarken Kanal für Ihre Botschaft gesetzt“, erläutert Reichelt.

Dirk Benninghoff und Julian Reichelt waren sich mit den Teilnehmern des DinnerTalks einig, dass es sowohl im Journalismus als auch in der Unternehmens- und Markenkommunikation heute stärker denn je auf gute Geschichten und Content ankommt, der die Menschen fesselt und bewegt. Nur das ermögliche die gewünschte Conversion auf Inhalte. Heute sei dies die zentrale Herausforderung für die Absender von Informationen – ganz gleich, ob für Redakteure oder Kommunikatoren. Gefragt ist eine klare Haltung. Muhammad Ali hätte dem ganz sicher zugestimmt.




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