Facebook – geliebter Feind

26.05.2017

Der European Newspaper Congress und die Angst der Medien vor dem Social Network.

Deutschlands Medienmacher trafen sich diese Woche in Wien. Eigentlich geht es beim dortigen „European Newspaper Award” darum, gelungenes Zeitungsmachen auszuzeichnen. Es war stets ein gediegenes Branchentreffen, bei dem auch die reichlich bedacht werden, die andernorts meist zu kurz kommen. Die Berliner Morgenpost gewann mal 21 Preise. Und wer „European Newspaper Award“ auf Google News eingibt, stellt auch dieses Jahr fest, dass von der Emder Zeitung bis zur Westfalenpost halb Deutschland die nach großem internationalen Renommee klingende Auszeichnung entgegennahm. Es werden Sonderseiten prämiert, Beilagen, Illustrationen und vieles mehr. Klingt arg gestrig. Die Zeiten, in denen sich Erfolg oder Misserfolg von Zeitungen noch an der Gestaltung von Sonderseiten oder Illustrationen entschieden, sind schließlich längst vergangen. Zeitungsdesign ist 2017 mehr oder weniger irrelevant geworden.

Dennoch ist die Veranstaltung hochinteressant, denn begleitend zu der Award-Orgie gibt es einen hochkarätig besetzten Kongress, in dem sich diese Woche die Meinungsführer der deutschsprachigen Branche in Wien trafen. Und selten wurde offenkundiger, wie sehr sich die klassischen deutschen Medien in der Defensive befinden, und wie sehr es an Ideen mangelt.

ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf dem European Newspaper Congress

Da beklagte ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: „Es hat nie zuvor einen solchen Grad an Entfremdung gegeben zwischen Politikern und Medien und unseren Lesern“, und forderte: „Dem müssen wir uns stellen.“ Eine These, die ein halbes Jahr nach der Trump-Wahl reichlich abgestanden daherkommt. Man möchte di Lorenzo und den vielen anderen Freunden dieses beliebten Narrativs entgegenschreien: Dann macht das doch endlich! (macht ZEIT Online im übrigen gerade mit seiner sehr starken Serie „Heimatreporter“).

Da forderte Veranstalter und Medienfach-Verleger Johannes Oberauer die Hilfe der Politik, die die Bürger für Zeitungen und Zeitschriften zur Kasse zu bitten wie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Wenn es uns in Zukunft nicht gelingt, uns über die Leser zu finanzieren, werden wir einen gleichen, vielleicht sogar größeren Topf für das brauchen, was heute die Öffentlich-Rechtlichen erhalten“, sagte Oberauer und visionierte über eine „Meinungsbildungsabgabe von 350 Euro“. Nun gründeten die West-Alliierten die Sender nach dem Zweiten Weltkrieg als einen wichtigen Baustein in der Demokratisierung des Landes. Offenbar wähnt Oberauer die Demokratie jetzt wieder in einer Art Stunde Null. Oder geht es doch nur um einen hilflosen Versuch, Geld zum Überleben einzusammeln?

Scheinbar allgemeingültiges Feindbild der Medien? Facebook.

Er und andere haben längst einen Hauptschuldigen für die existenzbedrohende Krise deutscher Medien ausgemacht: Facebook. Das Netzwerk ist die böse Macht, quasi das neue Google. Gängige Meinung: Es saugt die Werbegelder ab, die den Medien jetzt fehlen, es verbreitet so viel Lügen und Hass, dass jedes normale Medium längst zur Rechenschaft gezogen würde, und zahlt auf seine fetten Profite in Europa noch nicht mal Steuern. Jahrelang haben Verlage mit gewisser Skepsis, aber doch angetan Facebook-Angebote wie Instant Articles genutzt und auf Warnungen, es würde nur Facebook selbst nutzen, nicht gehört. Jetzt wendet sich das Blatt. Mit Facebook gegen Fake News kämpfen? Nicht, wenn Facebook so intransparent agiert wie momentan.

Dazu passt, dass das Netzwerk einer Einladung nach Wien nicht folgte. Abgesehen von einem medienwirksamem Auftritt von Mark Zuckerberg bei Axel Springer in Berlin geht Facebook nicht gerade beherzt auf die Kritiker zu. Das Netzwerk agiert aus einer Position der wirtschaftlichen Stärke und gesellschaftlichen Bedeutung heraus, die milliardenfach über denen deutscher Medien liegt. Facebook agiert arrogant, ignorant, geheimnisvoll – und gibt den Skeptikern so jede Menge Nahrung.  

Die positiven Seiten werden von denen dann in der Folge beflissentlich verschwiegen: Facebook spült den Newssites Besucher auf die Seite, ermöglicht neue Formate wie Live-Sendungen. Medien erreichen Leser, die für immer verloren schienen (nur dass deren Markentreue nicht gerade ausgeprägt ist…). Das fällt in der aktuellen Debatte unter den Tisch. Die Medien müssen mit Facebook leben, und zwar in der jetzigen Form. Das Netzwerk wird sie nie für den Verlust von Werbegeldern kompensieren, von der Politik verordnete Regeln gegen Hate Speech werden lange auf sich warten lassen, wenn sie denn überhaupt kommen. Sich von Facebook abzuwenden, heißt schlicht die eigene Rest-Bedeutung aufs Spiel zu setzen. Bei Zuckerbergs Besuch in Berlin gab’s vom Verlag übrigens den Springer-Award. Was sagt dazu eigentlich Oberauer?

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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