#FreeDeniz – eine Branche macht sich gerade

03.03.2017

Dirk Benninghoff über die Solidarität für den in der Türkei inhaftierten Yücel.

Autokorsos wie nach Fußball-Triumphen, ganzseitige Anzeigen in großen Tageszeitungen, riesige Aufmacher auf den führenden News-Seiten, nicht zu vergessen der Protest vor der Botschaft: Die Solidarität für Deniz Yücel, den in der Türkei inhaftierten WELT-Reporter, scheint grenzenlos. #FreeDeniz ist die bemerkenswerteste Solidaritätsaktion der jüngeren Zeit, ein breites gesellschaftliches Bündnis, das von Medien über Politik bis hin zum interessierten Bürger reicht. Der Fall Deniz Yücel eint sogar eine ganze Stadt.

Fanal für die Wiederauferstehung eines selbstbewussten Journalismus?

Bemerkenswert ist sie nicht nur aufgrund ihrer Wucht, sondern, weil #FreeDeniz ein Fanal für die Wiederauferstehung eines selbstbewussten, stolzen Journalismus in Deutschland sein könnte. Ein Berufsstand, der zuletzt regelmäßig gedemütigt wurde. Der die beschämende Lügenpresse-Debatte ertragen muss. Dessen Umfragewerte in Sachen Vertrauen und Sympathie von Jahr zu Jahr sinken. Der in Staaten auf der ganzen Welt immer heftiger geknebelt wird. Dem vom amerikanischen Präsidenten der Krieg erklärt wurde. Der nicht weiß, wie er sich in Zukunft finanzieren soll.

All dies hat der deutsche Journalismus für ein paar Tage beiseitegeschoben – oder eben nicht. #FreeDeniz richtet sich nicht nur gegen das Regime Erdogan. Es richtet sich gegen all jene, die Pressefreiheit mit Füßen treten. Gegen die, die Journalisten beleidigen und mit Lügen-Vorwürfen beschmutzen. Und gegen jene, die meinen, dass ihre „Klartext“-Pamphlete die Realität besser abbilden als die linken „Mainstream-Medien“.  

Eine Branche steht fest zusammen

Der deutsche Journalismus hat sich wieder gerade gemacht und zu sich gefunden. #FreeDeniz ist auch ein bemerkenswertes Bündnis der Solidarität innerhalb der Branche. Ein Bündnis, das von Springer-Boss Mathias Döpfner über ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bis zu Komiker Jan Böhmermann reicht. Eine Branche, die kriselt und daher in einem verschärften Wettbewerb steht, in der Neid und Missgunst weit verbreitet sind, steht fest zusammen. So fest, dass sogar die Politik aufwacht. Das Auftrittsverbot des türkischen Justizministers in Gaggenau ist der Höhepunkt dieser Welle.  

Und so hat #FreeDeniz auch dann Erfolg, wenn – und das steht wohl zu befürchten – Deniz Yücel weiter in Haft bleiben wird. Der eigentliche Sinn geht weit über den bedauernswerten WELT-Kollegen hinaus.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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