Endlich wieder über Steingart ärgern

01.06.2018

Über den neuen Newsletter des Journalisten

Dass sich der gute alte Newsletter als journalistisches Format etabliert hat, verdanken wir einwandfrei Gabor Steingart. Mag man den ehemaligen Handelsblatt-Frontmann als blasiert empfinden, mag manche seiner Thesen reichlich steil gewesen sein und seine Kampagne gegen SPD-Spitzenkandidat Martin Schultz teilweise unter der Gürtellinie – Steingarts Morning Briefing war ein Muster-Beispiel, wie der Newsletter eines Mediums sein sollte: poiniert und meinungsstark, bisweilen provozierend, mit starkem Link zum Hauptprodukt – und zum Schluss noch ein paar Goodies für den Leser bereit halten. Kein Wunder, dass Steingarts neuer Newsletter ein mediales Event sein wird. Am 11. Juni geht es los. Endlich wieder Kopfschütteln beim ersten Kaffee.

Seit Steingarts Rausschmiss beim Handelsblatt, ist das „Morning Briefing” des Wirtschaftsblatts kein Must mehr. Man erhält bisweilen noch nicht einmal einen Überblick über die wichtigsten Heft-Themen. Die Schwachpunkte wurden übernommen (extremes Abarbeiten an Trump und zu wenig Unternehmensthemen), das Pointierte ist verschwunden. Reiben kann man sich an überhaupt nichts mehr. Der Running Gag des Meisters, das Bildungsgehubere am Ende eines jeden Absatzes anhand von Zitaten, wird reichlich unentschlossen wieder aufgegriffen. Ab und an wird mal jemand zitiert. Alibi. Nur reichlich Karten für Handelsblatt-Veranstaltungen werden weiter für die lieben Leser zurückgelegt. Kurzum: Das „Morning Briefing“ wirkt mittlerweile etwas ungeliebt.

Newsletterflut ohne Mehrwert

Es ist damit in guter Gesellschaft. Lieblose Newsletter gibt es von Medien viele, Linksammlungen (BILD!) ohne großen Mehrwert. Hauptsache dabei sein, ist die Devise, hoffentlich gilt das nicht auch für den neuen Hype um Podcasts. Respektabel höchstens der immer wieder überraschende Freitagsnewsletter der Chefredaktion des Manager Magazins sowie der „Checkpoint“ des Tagesspiegel. Der ist mittlerweile weniger Produkt-Verlängerung als eigenständiges Medium, was auch für die ganzen Bezirksnewsletter des Hauptstadt-Blattes gilt. Nachteil wie auch beim „Checkpoint“: Der Leser muss viel Zeit mitbringen. Steingarts Erfolg am Morgen lag auch in der gewürzten Kürze begründet.

„Ich lasse Sie nicht mehr alleine aufwachen”

Wie sein neuer Newsletter aussehen wird? Möglicherweise länger, schließlich kann Steingart nicht mehr auf das Handelsblatt verweisen, um die ganze Story zu erzählen. Sein neues Baby muss für sich stehen. Und es wird noch mehr zur Fragmentierung der Medienlandschaft beitragen, denn auch der Stand-alone-Steingart wird ein wichtiger Influencer sein, wichtiger wohl als der Kollege Roland Tichy, der mit seinem Einblick im Gegensatz zum Schröderianer Steingart das rechte Lager bedient. „Ich lasse Sie nicht mehr alleine aufwachen“, schrieb Steingart kürzlich auf seiner Website, wo die alten Newsletter verlinkt sind. Klingt ein wenig nach Drohung. Aber besser mit Steingart beim Aufwachen ärgern, als nach dem Aufstehen gleich wieder einzuschlafen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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