Gefühlte Wahrheiten und gefährliche Influencer

24.03.2017

Neuigkeiten-Check über den Einfluss von Influencern auf unser Medienverhalten.

Es gab mal Zeiten, da haben Menschen ihr Leben lang eine Zeitung abonniert. Die ackerten sie am Frühstückstisch durch, zerfledderten sie in der U-Bahn, rissen tolle Texte raus und legten sie Kollegen auf den Schreibtisch oder hefteten sie an eine Pinnwand. Eine Zeitung war wie ein Glaubensbekenntnis, zwar nicht so sakrosankt wie der Fußballverein, aber man blieb doch meist beim Bewährten.

Eine Frage des Vertrauens

Und heute? Heute ist nicht mehr entscheidend, welche Zeitung an der Pinnwand hängt oder auf dem Tisch liegt, sondern wer sie da platziert hat. Eine US-Studie, die das Medienverhalten auf Facebook analysierte, bringt gar erschreckende Ergebnisse für Medienmarken. 80 Prozent von 1500 Probanden konnten nicht sagen, auf welchem Medium geteilte Inhalte basierten. Ihnen war vielmehr wichtig, wer den Inhalt gepostet oder geshared hat. Wenn ein guter Freund oder eine andere vertrauenswürdige Person etwas empfiehlt, wird das zugrunde liegende Medium völlig zweitrangig. So wurde dem Text eines ausgedachten Mediums mehr Vertrauen geschenkt als einem Text der etablierten amerikanischen Nachrichtenagentur AP, weil glaubwürdige Leute es geteilt hatten.

Die Studie bestätigt ähnliche Erkenntnisse der Uni Stanford, nach denen die Empfehlungen von Freunden gegenüber offiziellen Angaben oder Medienberichten immer mehr Vorrang erhielten. Für Medien ist dies nicht nur eine Klatsche, sondern auch ein Anknüpfungspunkt. Es ist wichtig, nicht nur viele Leser zuhaben, sondern vor allem die richtigen. Influencer-Bindung ist die große Herausforderung. Jeder Community-Manager einer Newssite wird sich durch die Studienergebnisse bestätigt fühlen.  

Die gefühlte Wahrheit

Gefährlich ist der Trend dennoch: Vertrauen wird so zunehmend gefühlten Wahrheiten geschenkt, was das leidige Fake-News-Phänomen noch verstärkt. Um nichts anderes handelt es sich ja bei dem Text des fiktiven Mediums aus dem Versuch. Ein anderes, gefährlicheres Beispiel: Dieser Text verharmlost die Kriminalität in Guatemala, einem der gefährlichsten Länder der Welt. Das Auswärtige Amt hat Sicherheitshinweise veröffentlicht. Der Blogger dagegen fordert seine Leser auf, diese ganz einfach mal in den Wind zu schießen. Sein Bus sei schließlich nicht überfallen worden. Bei Google rankt das Stück bei den Suchbegriffen „Guatemala“ und „Kriminalität“ – eine beliebte Kombination bei Reisenden in das Land – auf Platz 3, direkt hinter dem Auswärtigen Amt. Es lesen also viele Menschen diesen Text, der von dem Reiseblog „Shave the Whales“, einem Influencer, stammt.    

Das Beispiel zeigt, dass das Vertrauen in Influencer, in einzelne Personen, zu gefährlichen Ausschlägen führen kann. Gefühlten Wahrheiten, die keiner Prüfung durch Redaktionen Stand hielten, wird Vertrauen geschenkt. In dem Text hätte man früher höchstens den Fisch eingewickelt.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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