Damit Deutschlands Wirtschaft gesund bleibt

02.08.2018

Für eine bessere Verzahnung von Gesundheits-, Wirtschafts- und Forschungspolitik

Die deutsche Wirtschaft brummt, doch ihr Motor ist nicht die Automobilindustrie – nicht in der Spitze zumindest. Es ist vielmehr eine Branche, deren Produkte in der öffentlichen Diskussion nicht als Ware angesehen werden. Die Rede ist von der Gesundheitswirtschaft. Sie hinterlässt einen entscheidenden ökonomischen Fußabdruck in diesem Land. Die Zahlen sprechen dabei für sich: Mit sieben Millionen Beschäftigten ist der Wirtschaftszweig Deutschlands größter Arbeitgeber und die Bruttowertschöpfung beträgt stolze 337 Milliarden Euro – ein Anteil von 12 Prozent der Gesamtwirtschaft. Jährlich wächst sie um 3,8 Prozent, ein Wachstumsmarkt seit Jahren und weiter auf Expansionskurs. Im industriellen Teilbereich sind Marken wie Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck oder Fresenius weltweit bekannt, zugleich ist die Branche stark mittelständisch geprägt.

Eine ältere und mobilere Gesellschaft ermöglicht Wachstum und mit dem Älterwerden steigt gleichzeitig der Bedarf an gesundheitlichen Dienstleitungen – ein Kreislauf, welcher letztlich die Demografie zum größten Jobmotor der kommenden Jahre werden lassen könnte und das alles fast frei von konjunkturellen Entwicklungen. Also alles gut?

Auch hier gilt: Der Schatten wandert mit dem Licht.

Denn Umsätze werden da gemacht, wo direkte Kundenbeziehungen fehlen. Es ist kein B2C-Geschäft, gesetzlich Versicherte erhalten Leistungen und die Krankenkasse zahlt. Sie sind in der Regel die intermediären Instanzen des sogenannten Sachleistungsprinzips. Deshalb wird der Markt gleichsam durch die Politik gebremst. Denn deren Aufgabe ist es, Kosten der Versicherungen möglichst nicht exorbitant steigen zu lassen. Gesundheitspolitik verfolgt zuvorderst Ziele der Solidarität und Finanzierbarkeit. Doch im Zielkonflikt taucht auch das Wachstum auf – Problem: Durch die ersteren beiden kann es sich nicht frei entfalten. Und so wird der Rahmen des größten deutschen Wirtschaftszweiges am Ende von jenen Politikern maßgeblich geprägt, welche Kostendämpfung im Blick haben. Oftmals ein Dilemma für die Branche.

Natürlich muss Ordnungspolitik im deutschen Gesundheitswesen auch die Besonderheiten des Nicht-Markt-Systems beachten. Gleichzeitig sollten aber politische Steuerungsmöglichkeiten darauf achten, dass alle Beteiligten ein Optimum ihres Schaffens erreichen können. Zwar gibt es bei Arzneimitteln oder der Medizintechnik auch heute Marktmechanismen durch ihren beständigen Wettkampf nach besseren Behandlungsmethoden und Innovationen – doch liegen diese auf Seiten der Anbieter.

Spagat zwischen Gesundheits-, Wirtschafts- und Forschungspolitik

Natürlich hat sich unser Gesundheitssystem bewährt, es zählt zur Weltspitze und Politik hat einen großen Anteil daran. Am Ende geht es deshalb auch nicht um einen Paradigmenwechsel. Jedoch sollte darüber nachgedacht werden, dass bei künftigen Gesetzesvorhaben, welche die Gesundheitswirtschaft betreffen, verstärkt ein Schulterblick der Wirtschafts- und Forschungspolitiker erfolgt. Schließlich wirken sich gesundheitspolitische Entscheidungen auch auf den Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland aus. Sicher ein Spagat und nicht allen kann es dabei recht gemacht werden, doch mehr Mitberatung durch die anderen Politikfelder wäre ein erster Ansatz. Ziel muss eine bessere Balance zwischen Kostenbegrenzung auf der einen und Wachstumsanreizen auf der anderen Seite sein. Doch noch gibt es häufig eine Mauer zwischen der Wirtschafts- und Gesundheitspolitik, sie verstellt den Blick auf mehr Verständnis.

Für die Unternehmen wird es letztlich entscheidend sein, auch Wirtschaftspolitiker für sich zu gewinnen. Allzu häufig betrachten sie mehrheitlich Gesundheitswirtschaft weniger unter wirtschaftlichen, als unter gesundheitspolitischen Fragestellungen und sehen sich daher nicht immer betroffen. Mehr die wirtschaftliche Relevanz als die Produkte thematisch in den Vordergrund zu stellen, wäre daher ein erster Ansatz für die Industrie, um hier perspektivisch einen stärkeren Bewusstseinswandel zu erreichen. Die Anfänge sind gemacht: Das Wirtschaftsministerium rückt das Themenfeld mehr in den Fokus wie auch das Fachforum Industrielle Gesundheitswirtschaft der SPD-Wirtschaftspolitikerin Gabriele Katzmarek.

Interessant ist auch der Vorstoß des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Dieser fordert schon seit längerem einen Innovations-Check in die Gesetzgebung mit aufzunehmen – Ziel wäre es zu schauen, wie sich Gesetze auf Innovationen und neue Technologien auswirken. Ein Ansatz auch für gesundheitspolitische Entscheidungen.

Denn: Die Beschäftigten der industriellen Gesundheitswirtschaft erhalten in der Regel gute Gehälter und zahlen mehrheitlich in die Gesetzliche Krankenversicherung ein. Gute Rahmenbedingungen für die Branche tragen so indirekt auch zur Finanzierung bei. Und, wenn Menschen durch moderne Behandlungsmethoden wieder früher am Arbeitsleben teilhaben können, entlastet dies perspektivisch die Sozialkassen.

Dr. Florian Eckert

leitet seit September 2017 den Bereich Public Affairs bei fischerAppelt.




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