Happy birthday re:publica!

11.05.2016

Christian Clawien über das Jubiläumsfestival re:publica TEN.

2007 war ich zum ersten Mal auf der re:publica. Das Jahr, in dem Twitter in Deutschland populär wurde. Bei fast allen Teilnehmern – damals noch ein paar Hundert – vibrierte ständig die Hosentasche, da die Tweets noch per SMS ankamen.

Wie feiert man also den 10. Geburtstag des Digitalfestivals? Noch viel größer als beim letzten Mal, aber auch ein wenig pessimistischer. Einige Hoffnungen, die man damals an die neuen Technologien hatte, wurden enttäuscht. Katerstimmung und Geburtstagsparty zwischen Populismus in sozialen Medien und Rekordgewinnen bei Facebook. Ein selektiver Ausschnitt aus dem Programm, der zeigt, wie vielfältig Digitalisierung mittlerweile geworden ist.

Hass, Pöbeleien, Gewaltandrohungen. Was ist los mit dem Diskurs im Web? Die Panelisten schildern Phänomene aus ihrer täglichen Arbeit und wie sie damit umgehen. Falk Richter, Autor und Regisseur an der Schaubühne/Maxim Gorki Theater, musste Morddrohungen erleben, weil er ein Stück inszenierte, das sich kritisch mit Hass und Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzt und die neuen Demagogen entlarvt. Sein Appell: „Wir müssen komplexe Diskussionen führen und aushalten, die Themen der AfD zurückerobern.“ Carline Mohr, ab Juni CvD Audience Development bei Spiegel Online, hofft: „Wir wollen durch den Dialog mit den Kommentatoren Radikalisierung abschleifen. Nicht zu reden, ist keine Option.“ Fabian Wichmann von EXIT Deutschland wandelt nach dem Wunsiedel-Marsch nun Hasskommentare im Netz in Spenden um und erlebt verblüffte bis erboste Reaktionen. Er sieht einen Zusammenhang zwischen der Bestätigung in der Online-Welt und dem Handeln auf der Straße. Alle Panelisten plädieren für Empathie und Perspektivwechsel, Sachlichkeit und Argumente, um den Phänomenen der Enthemmung entgegenzutreten.

Auf dem vom Techblog Geekpark präsentierten Panel zeigten sich chinesische Startups und Großunternehmen selbstbewusst. Obwohl die Produkte oder Services noch immer Anleihen an Vorbilder wie Apple oder andere Tech-Marken haben, lässt sie wie bei OnePlus oder Xiaomi erkennen, dass die nächsten Weltmarken vielleicht auch aus China kommen werden. Fangen wir mit dem Fahrrad an. 700Bike produziert schicke Räder mit eingebautem Navi, Geschwindigkeitsanzeige und den Anschluss an eine Community und Ortung per GPS bei Diebstahl. LeEco ist ein Mischkonzern, der in großem Stil chinesische und internationale Sportrechte aufkauft und für die Hardware-Sparte im Konzern verfügbar macht. Smartphone und Fernseher mit eingebautem Content wie der Premier League. Spannend.

Snapchat und EU-Parlament? Klingt komisch, ist aber so. Franziska Broich präsentiert elegant, wie man Jugendliche mit Behind-the-scenes-Material für die Arbeit des Europäischen Parlaments begeistern kann. 2,5 Millionen Jugendliche nutzen in Deutschland die App, in Europa sind 32 Prozent aller User beheimatet. 15.000 Follower hat der Account. Gepostet wird zum Beispiel, wie die Flaggen der Mitgliedsländer auf Kleiderständern ordentlich aufgereiht sind, oder eine Torte, die das Volumen des neu bewilligten Budgets für das Erasmus-Programm verdeutlicht. User werden auch über den Account eingeladen, das EP in Straßburg und Brüssel zu besichtigen. Fazit: politische Kommunikation unverkrampft und greifbar. Hier folgen per Snapcode.

Stephan Kasulke, Senior Vice President Quality von T-Systems International, wagt sich an ein sensibles Thema: die Verwundbarkeit unserer sensiblen Netze, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Als Einstieg erzählt er, dass er selbst als Zivildienstleistender Pfleger in einem Krankenhaus war, in dem alle Patientendaten noch händisch erfasst wurden. Einer seiner ersten Einsätze für T-Systems war ein Krankenhaus in den USA, in dem es zu einem Ausfall der IT kam. Auch der eigene Sohn wird schon mal unruhig, wenn das WLAN nicht mehr funktioniert und die Hausaufgaben über Moodle nicht erledigt werden können. Ob Champions-League-Übertragungen, Mobilfunk, Teile der Bordelektronik von Fahrzeugen oder Logistik: IT-Ausfälle können massive Auswirkungen haben. „The demand for stable operations is rising“, sagt Kasulke. Fehlerquellen stecken vor allem in Menschen, Prozessen und Plattformen. Denn: Pro 10.000 Zeilen Programmcode sind durchschnittlich zwei Fehler enthalten.

Seine Forderungen: weniger Software-Releases in komplexen Systemen (jedes Sicherheits-Update eines Routers kann in mehreren anderen Systemen zu Problemen führen und muss vorher über mehrere Wochen getestet werden), Zertifizierungspflicht der Partner für das „Zero Outage“-Programm und robustes Design von Hardwarekomponenten, die über mindestens sechs Monate in kritischer Umgebung getestet werden.

Zum Abschluss noch ein paar handfeste Tools und Trends für das digitale Storytelling. Präsentiert von der gut aufgelegten Isa Sonnenfeld. Sie ist bei Google zuständig für das News Lab in Deutschland, das Redaktionen unterstützt, Geschichten mit Hilfe von Google Tools zu entdecken oder zu erzählen. Auf dieser Seite findet man alle für Storyteller relevanten Tools zusammengefasst.

Zum Beispiel kann man gucken, in welchen Sprachen in Berlin über Google gesucht wird, was Aufschluss etwa über Touristenströme oder Migranten in der Stadt gibt. Mit Photo Sphere lassen sich einfach 360-Grad-Panoramas in die eigene Website einbinden.

Das Coachella Festival hat mehrere 360-Grad-Videos erstellt, die eine neue Art des Storytellings möglich machen. Der Guardian hat in einem aufwändigen Projekt simuliert, wie es sich anfühlt, inhaftiert zu sein: „A virtual experience of solitary confinement“.

Auch die Berliner Morgenpost ist aktiv beim Thema 360 Grad. Das Special „So leben Flüchtlinge in Berlin“ gibt einen bewegenden Einblick in die Wohnverhältnisse und räumt mit Vorurteilen auf. Ein weiteres Projekt war die VR-Begleitung von Obama auf der Hannover Messe.

Wichtig für die Orientierung des Users in neuen Rundum-Formaten ist vor allem die Audio-Spur, die durch die Bewegungen in der Geschichte führen und erklären kann.

Mein 10. re:publica-Jubiläum waren ein bunter Strauß aus Eindrücken und Gesprächen sowie die Erkenntnis, dass wir mittendrin sind in der Gestaltung der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Bleiben Sie dran und mischen Sie sich ein.

Fotocredit: Frederik Schmidtke/re:publica/Jan Zappner CC BY 2.0 Disclaimer: T-Systems ist Kunde von fischerAppelt.

Christian Clawien

beschäftigt sich bei fischerAppelt mit digitalen Themen, der Tech-Branche und vermittelt zwischen Marke und Zielgruppe.




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