Schlechte Haltungsnoten für Hayali

17.08.2018

Über moralisch einwandfreie Prominente und kritischen Journalismus auf Firmenevents

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht in Teilen der Gesellschaft schwer unter Beschuss. „GEZ-TV“ oder „System-Rundfunk“ sind nahe Verwandte der „Lügenpresse“. Der rechte Rand hat sich ARD und ZDF schon lange vorgenommen, vermutet ständig Gleichschaltung im Auftrag der Regierung. Die AfD fühlt sich nach dem Gauland-Debakel im Sommerinterview mal wieder unfair behandelt. Was auch liberaler gesinnte Beobachter verstimmt, ist die große Nähe öffentlich-rechtlicher Funktionäre zur Politik. Wechsel wie der des Merkel-Vertrauten Ulrich Wilhelm direkt an die Spitze des Bayerischen Rundfunks sorgen auch bei ihnen für Unbehagen.

Verstärkt wurde dieses Gefühl in der Vergangenheit immer mal wieder durch gut dotierte Auftritte öffentlich-rechtlicher TV-Prominenz bei Unternehmensevents oder Kongressen. Das Medienmagazin „Zapp“ berichtete jetzt über einen besonders üppigen Fall: Ausgerechnet Dunya Hayali, mittlerweile so etwas wie das gute Gewissen der Nation, hat kräftig abkassiert in den vergangenen Monaten.

Fragwürdige Nebentätigkeiten

Die ZDF-Moderatorin, die sich gerne als kritisch-neugierige, unbestechliche Aufklärerin inszeniert, arbeitete im Nebenjob für Auftraggeber unterschiedlichster Couleur: von der Automatenwirtschaft über die Healthcare-Industrie bis zu Beamtenbund und Amazon. Damit tritt Hayali zwar in prominente Fußstapfen. Aber wenn eine Judith Rakers (Typ charmante Anchorwoman und Moderatorin) Firmenevents bereichert, hat das einen ganz anderen Anstrich als bei der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Hayali.

Das alte Horst-Schlemmer-Motto „knallhart nachgefragt“ will sie auch bei ihren Industrie-Engagements beherzigt haben, und mit dieser Behauptung macht sich die Moderatorin des ZDF-Morgenmagazins schlicht lächerlich: „Solange ich da das tue, was ich sonst auch immer tue auf der Bühne bei jedem Fachkongress, nämlich kritischen Journalismus, unabhängig, fair und respektvoll, solange sehe ich kein Problem“, sagte Hayali ZAPP. Wenn das stimmte, dürfte die federführende Eventagentur zum letzten Mal beauftragt worden sein. Wer will bitteschön einen Gast, der die Gastgeber verbal an die Wand nagelt? Seit wann sind Kongresse oder Firmenevents eine Bühne für „kritischen Journalismus“?

Wenn Hayali ihrem Anspruch tatsächlich gerecht geworden wäre, wäre es wohl bei einer Anfrage geblieben. Das Engagement bei der Automatenindustrie sei sie eingegangen, um sich ihren Vorurteilen zu stellen und habe das Geld gespendet. Ein Beleg dafür, dass es die künftige Sportstudio-Moderatorin versteht, selbst vermeintliche Schmuddeljobs Image bildend einzusetzen.

Die personifizierte Willkommenskultur

Hayali verkörpert in der Flüchtlingsdebatte das andere Deutschland, das gute Deutschland. Sie ist quasi die personifizierte Willkommenskultur. Hayalis Haltungs-Gehubere ist auch bei Medien- und Marketingleuten gefragt. Unternehmen und Verbände nutzen gerne mutige, moralisch einwandfreie Prominente. Eine Hayali beim Kongress ist dem Renomée sicher zuträglicher als ein Tichy. Leider entsteht nun der Eindruck, dass die ZDF-Frau ihr eigenes Image als moralische Instanz genutzt hat, um – Ausnahme Automatenwirtschaft – ganz profan abzukassieren. Und das hat dann mit Haltung ausnahmsweise gar nichts zu tun.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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