„Ich bin das eine und das andere gleichzeitig“

14.09.2017

Franziska von Lewinski im dmexco-Talk mit Julia Jäkel von Gruner + Jahr

Beim gestrigen Auftakttag von Europas größter Messe für die digitale Industrie diskutierte unsere Digital-Vorständin mit Gruner + Jahr Verlagschefin Julia Jäkel in Köln über die Vereinbarkeit von Digital- und Printprodukten in der Medienbranche, neue Geschäftsmodelle für Verlage und Erfolgsstrategien in Zeiten einer noch ungewissen digitalen Zukunft.

Im Anschluss an die viel erwartete Keynote von Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg folgte die Debatte, die von den rund 1000 Teilnehmern in der Congress Hall mit Spannung erwartet wurde. Von Moderator Wolfram Kons als „zwei weitere große Gestalterinnen der digitalen Zukunft“ angekündigt, trafen sich Franziska von Lewinski und Julia Jäkel auf der dmexco-Bühne, um über die „Transformation in der Kommunikationsbranche“ zu sprechen.

Digitalisierungsstrategie nicht ohne Qualitätsdebatte

Noch vergangene Woche hatte Julia Jäkel eine Debatte in der Medien- und Werbebranche ausgelöst: Anzeigenkunden sollten wieder verstärkt in klassischen Medienumfeldern werben, statt bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken ihre Klickzahlen in die Höhe zu treiben. „Brand safety first“ – so das Credo von Jäkel im Namen des Qualitätsjournalismus. Ihre Forderung nach einem „Corporate Media Responsibility Kodex“ erfuhr daraufhin großen Zuspruch anderer Medienentscheider als längst überfälliges Signal. Wie sie denn jetzt zu Facebook stehe, lautete deshalb eine der ersten Fragen von Franziska von Lewinski. „Mit Facebook habe ich kein Problem“, stellte Julia Jäkel klar. Im Gegenteil, das soziale Netzwerk sei Teil ihrer Digitalisierungsstrategie. Es gehe vielmehr darum, „eine Diskussion zu führen aus einem echten Anliegen heraus, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen soll“, erklärte die Verlagschefin. Angesichts der Dimension, die die digitale Transformation angenommen habe, gehe es darum, gemeinsam Qualitätsstandards zu definieren.

Print bleibt das Medium für die Entschleunigung

Ein weiteres Thema im Zuge der Digitalisierung der Verlagsbranche ist und bleibt die Bedeutung von Printmedien. Auf die Frage Franziska von Lewinskis, ob sich Print weiter behaupten werde, gab sich Julia Jäkel optimistisch: „Wir sehen keinen Antagonismus zwischen Digital und Print“. Viele Erfolgsbeispiele würden das zeigen, die gerade WEGEN der Digitalisierung funktionierten. Darunter „Hygge“, das Magazin für „ein skandinavisch-entspanntes Lebensgefühl“, „Barbara“ oder das für Frühjahr 2018 geplante Lifestyle-Pendant „JOKO“ für Männer, das mit Moderator Joko Winterscheidt einen weiteren prominenten Namenspaten bekommt. Laut Julia Jäkel setzt Gruner + Jahr selbstverständlich weiterhin auf seine Printprodukte, da neben der Be-schleunigung im digitalen Bereich, zunehmend die Ent-schleunigung ein Bedürfnis der Leserschaft darstelle. An die jüngere Generation richtet sich das Verlagshaus mit Printprodukten wie Business Punk, Neon oder Nido.

Neue Geschäftsmodelle für die digitale Zukunft

„Wir sind einer der führenden digitalen Vermarkter, aber unser Ziel ist es nicht, hundert Prozent digital zu sein“, erklärt Julia Jäkel. Vielmehr sieht sie jeden Verlag in der Pflicht, eigene Antworten zu finden, denn im Kern gäbe es bei journalistischen Qualitätsformaten doch immer die gleiche Formel: eine gute Idee, ein Gefühl für die Gesellschaft und ein ansprechendes Design. So seien sie aktuell aber gerade fernab des klassischen Journalismus in neuen Geschäftsfeldern am erfolgreichsten, merkt Franziska von Lewinski an. Beispiele dafür sind der „Schöner Wohnen“ Online-Shop, die App-Marketing-Plattform „AppLike“ oder die Gründung der Kommunikations- und Werbeagentur „Territory“. Auf die Frage, ob man angesichts dieser Entwicklungen von einem neuen Branchentrend sprechen könne – Verlage werden zu Agenturen, Agenturen zu Verlagen – konterte Jäkel: „Wir machen das, was wir schon immer gemacht haben, nur ein bisschen breiter“.

Agilität als Erfolgsfaktor für Verlags- und Medienhäuser

Im dmexco-Talk wurde deutlich, dass der nachhaltige Erfolg bei Verlags- und Medienhäusern entscheidend von ihrer Agilität, Kreativität und der Offenheit abhängt, über den klassischen journalistischen Tellerrand zu blicken – sich aber gleichzeitig ihrer Kernkompetenzen bewusst zu sein. Natürlich, so Jäkel, profitiere Gruner + Jahr vom Wachstum seiner digitalen Marken, doch gehe es in der Zusammenarbeit mit Unternehmen in erster Linie darum, Geschichten mit „journalistischer Brille“ zu erzählen. „Wie digital bist du selbst?“, fragt Franziska von Lewinski zum Abschluss des Gesprächs. Passend zum Thema klingen Julia Jäkels Schlussworte wie der Status Quo einer ganzen Kommunikations- und Medienbranche in Zeiten digitaler Transformation: „Ich bin das eine und das andere gleichzeitig“.

Melanie Heym

beschäftigt sich als Redakteurin mit Lifestyle-Marken, neuen Medienformaten und digitaler Innovation.




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