In einem Fehler liegt die Chance für Neues

28.09.2015

Bernhard Fischer-Appelt über den VW-Abgas-Skandal und gute Krisenkommunikation.

Erlebt VW derzeit den Gau?

Ich will das nicht herunterspielen. Natürlich ist der Abgas-Skandal ein schlimmes, ernstzunehmendes Ereignis. Aber das ist kein Gau für das Unternehmen, es könnte weitaus schlimmer kommen, als dass lediglich die Abgaswerte nicht stimmen. Es sind keine Menschen gestorben, wie bei Skandalen anderer Automobilhersteller – das wäre richtig schlimm.

Warum ist der Aufschrei in der Öffentlichkeit dann so groß?

Volkswagen ist eine emotionale Marke, die seit vielen Jahren großen Erfolg hat – gerade in der Zeit von Martin Winterkorn als Vorstandschef. Vielleicht ist deshalb auch die Empörung in Deutschland größer als in den USA, wo sich der Skandal tatsächlich ereignet hat.

Viele Leser fragen sich, warum VW angesichts der Abgas-Affäre so still ist?

Meiner Ansicht nach wird maximal gehandelt, mit maximaler Konsequenz.

Bernhard Fischer-Appelt

Mein Eindruck ist ein anderer. Volkswagen hat nicht gemauert, sondern sofort reagiert, als das Thema öffentlich wurde. Es wurden 6,5 Milliarden Euro zurückgestellt, Herr Winterkorn ist zurückgetreten, außerdem wohl weitere Führungskräfte – meiner Ansicht nach wird maximal gehandelt, mit maximaler Konsequenz.

Wie reagiert VW von außen betrachtet?

VW hat die Manipulation zugegeben. Da ist ein kritischer Fehler passiert, es ist verständlich, dass VW vorsichtig ist, weil jede Äußerung auch juristische Folgen haben könnte. Früher haben sich Unternehmen in kritischen Situationen weggeduckt und haben nach außen sehr zurückhaltend geäußert. Heute erleben wir das Gegenteil, es gibt sofortige Reaktionen und Konsequenzen. VW erlebt gerade einen Tsunami an öffentlicher Empörung, aber darauf muss besonnen reagiert werden.

In einem Fehler liegt auch die Chance für Neues

Bernhard Fischer-Appelt

Was kann VW denn tun?

Ich nenne als Beispiel die Mercedes-A-Klasse und den Elchtest – von dem redet heute niemand mehr. Aber damals war die öffentliche Empörung riesig, obwohl niemals auch nur ein Auto auf der Straße umgekippt ist. Es gab nie Tote. Mercedes hat daraufhin das Stabilisierungsprogramm ESP in die Fahrzeuge eingebaut und errang dadurch schlussendlich die technologische Marktführerschaft. In einem – berechtigten – Fehler liegt auch die Chance für etwas Neues.

Volkswagen sollte aus diesem kritischen Vorgang die Konsequenz ziehen, seine Diesel-Technologien zu verbessern und auf diese Weise wieder Vertrauen in der Öffentlichkeit herzustellen. Die Empörung wird wieder abebben, in solchen Situationen muss man einen kühlen Kopf bewahren.

Das Interview erschien in ungekürzter Darstellung in den Wolfsburger Nachrichten und wurde für unseren Blog redaktionell überarbeitet.

Foto: Volkswagen AG

Bernhard Fischer-Appelt

Agenturgründer und ebenso kreativer wie strategischer Kopf. Stößt Innovationsprozesse an und brütet ständig was Neues aus.




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