Börsenmacht Influencer

16.03.2018

Wie die Snapchat-Aktie unter den Kommentaren der Meinungsmacher leidet

Selbst in der quirligen Welt von Digitalien, in der heute schnell vorgestern ist und die eigentlich immer auf übermorgen programmiert ist, gibt es Konstanten, die viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte überdauern. Dazu gehört die Gewissheit: Social Web ist Facebook, auch wenn der Abgesang auf das Zuckerberg-Imperium derzeit zu den beliebtesten Narrativen von Medien-Journalisten zählt.

#RihannaGate

Die vergangenen Tage zeigten wieder einmal, dass die Wettbewerber jede Menge dornige Chancen bewältigen müssen, wenn sie jemals an „Zucks“ Thron kratzen wollen. Für Snapchat-Boss Evan Spiegel (der mit dem Model und dem Wahnsinns-Gehalt) war die Woche besonders schlimm – wie auch schon die davor. Denn ihm verhageln derzeit Mega-Influencer Stimmung und Zahlen. Zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit rief ein Promi zum Boykott auf. Sängerin Rihanna echauffierte sich über eine Anzeige in der Snapchat-App. Dort wurden die Nutzer von einem Handyspiel gefragt, ob sie eher Rihanna oder deren Ex-Freund, Rapper Chris Brown, verprügeln würden. Nun muss man dazu wissen, dass die Sängerin 2009 vom notorischen Gewalttäter Brown krankenhausreif geschlagen wurde. Eine Entschuldigung von Snapchat zog daher nicht. Rihanna unversöhnlich: „Schämt euch. Werft die App und die Entschuldigung weg.“ Machten dann auch viele User, und die Aktie ging in den Tiefflug über. Vier Prozent Verlust am Donnerstag.

It-Girls lassen Aktien sinken

Während Mitleid für Snapchat in dem Fall fehl am Platze ist, zeigt das Beispiel Kylie Jenner, wie bedenklich der Einfluss von Influencern für Marken und Unternehmen bisweilen sein kann. Ihr gefiel Ende Februar ganz einfach das neue Design von Snapchat nicht. Prompt verkündete das Kardashian-Clanmitglied: „Öffnet ihr Snapchat auch nicht mehr – oder geht es nur mir so?“ Die Wall Street reagierte hysterisch: Die Aktie verlor damals 8 Prozent – Spiegels Unternehmen büßte 1,7 Milliarden Dollar an Wert ein, auch Kleinaktionäre verloren dank der Laune eines Upper-Class-Sprösslings viel Geld.

Es war ein besonders krasser Beleg für den Umbruch im medialen Machtgefüge. Während klassische Medien es angesichts verschärfter Publizitätsvorschriften für Unternehmen immer schwieriger haben, an kursrelevante Scoops zu gelangen, bewegen Mega-Promis mit einem lässig hingeworfenen Spruch von der Couch aus Milliarden.

Facebook-Dynastie

Begeistern konnte die Anleger die Aktie von Snap allerdings schon vorher nicht. Die Mutter der vermeintlichen It-Apps der jungen Zielgruppe kommt nicht vom Fleck. Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass erneut 100 Mitarbeiter gehen müssen –  alle aus der IT-Entwicklung, dem Herzen von Snapchat. Es ist seit September bereits die dritte Kündigungsrunde des Unternehmens, das weiterhin satte Verluste schreibt. Sieht fast so aus, als würde die Facebook-Tocher Instagram Snapchat kein all zu langes Leben gestatten.  

Sehr ruhig geworden ist es hierzulande um den Kurzzeit-Hype Vero. Dem hatten Influencer einen Schub verliehen – zumindest medial. Nachdem TV-Mann Klaas Heufer-Umlauf und Rapper Casper für das Netzwerk getrommelt hatten, jubelte die „Bravo“ (ja, die gibt’s noch): „Diese Stars nutzen die Social-App.“ Tageszeitungen fragten: „Das neue Facebook?“ Danach sieht es zwei Wochen später nicht aus. Diese Woche gab es dagegen Schlagzeilen wie „Wenig Mitglieder im gehypten Netzwerk“. An den Charts der App-Stores ist der angebliche Trend nämlich glatt vorbeigezogen. So ist von Vero in den Top 20 von Apple beispielsweise keine Spur, dafür aber vier Apps aus dem Facebook-Reich – allesamt im Übrigen vor Snapchat.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog