Die neuen Kings of Internet

02.06.2017

Der Internet Trend Report von Mary Meeker sollte die Medien umdenken lassen.

Wer wissen will, wo es lang geht im Internet, war diese Woche gut beraten, sich den Trend Report von Mary Meeker zu Gemüte zu führen. Die Partnerin der Silicon-Valley-Investmentfirma Kleiner Perkins Caufield & Byers durchleuchtet digitales Business und Medien jedes Jahr umfangreich wie niemand sonst. Der Business Insider nennt es in Anlehnung an die jährliche Regierungserklärung des US-Präsidenten die „Tech State of the Union”. Leider hielt es (laut Google News) abgesehen vom Manager Magazin kein deutsches Medium für nötig, darüber zu berichten. Vielleicht ist das Slide Deck von Meeker und ihrem Team mittlerweile zu umfangreich, um es auszuwerten. 355 Charts schlagen jede Pitch-Präsentation, und Redakteure haben angeblich kaum Zeit. Vielleicht wollte man aber auch lieber die Augen schließen, weil einem der eigene Bedeutungsverlust mal wieder schmerzlich vor Augen geführt wurde.

Die Autsch-Fakten des Internet Trend Reports

  • Ganze vier Prozent am Medienkonsum der Menschen entfallen mittlerweile auf Print. Die Mutter aller Medien, Zeitungen und Zeitschriften, sind nur noch Marginalien. Keine andere Gattung kommt auch nur annähernd auf so einen schwachen Wert. Alarmierend aber vor allem: Der Anteil der Zeitungen an den Werbeumsätzen beträgt zwölf Prozent. Bei allen anderen Disziplinen haben sich die Anteile von Nutzung und Werbung angeglichen (abgesehen von Mobile, wo die Nutzung weit über der Werbung liegt). Der Anteil am Werbemarkt, ohnehin im Sinkflug, dürfte also noch einmal rapide sinken. Die Medien-Vordenker vom Nieman Lab der kalifornischen Stanford University nennen den Chart aus Zeitungssicht schlichtweg „erschreckend“.

Laut Nieman Lab „erschreckend”: Der Print-Werbemarkt hat noch jede Menge Abwärtspotenzial

  • Der globale Werbemarkt wächst zwar dank Mobile. Aber davon partizipieren Medienhäuser so gut wie gar nicht. Es sei denn, man bezeichnet Facebook und Google als solche. Die greifen sich beispielsweise in den USA satte 85 Prozent vom mobilen Werbewachstum ab. Ein Wert, der verdeutlicht, dass die ohnehin schon extreme Dominanz der beiden Giganten sich weiter verfestigt.
 

  • Der Marktanteil von TV-Sender sinkt rapide – zugunsten von Streaming-Diensten von Netflix, das sich in den USA mitterweile einen Marktanteil von 30 Prozent an den Home-Entertainment-Umsätzen gesichert hat.

E-Sports bergen großes Potenzial für Marketer

Monströses Wachstum dagegen in einem Markt, den Medienhäuser hierzulande bislang kaum besetzt haben – weder durch Berichterstattung noch durch Vermarktung: E-Sports. Jungen Mega-Gamern beim Daddeln zuzuschauen wird zum Massen-Vergnügen. Die Zuschauerzahlen stiegen binnen eines Jahres um 40 Prozent. Interessanteste Zahl der Meeker-Studie aber: 27 Prozent der Millennials ziehen Gaming richtigem Sport vor. Das verdeutlicht das Potenzial für die kommenden Jahre. Schon jetzt werden mit Computerspielen rund 100 Milliarden Dollar umgesetzt. Auf dem Planeten gibt es 2,6 Milliarden Gamer – also jeder dritte Mensch!

Und was fangen deutsche Medienhäuser damit an? Herzlich wenig. Der schwedische Medienkonzern Modern Times Group macht den hiesigen Playern vor, wie es geht. Er übernahm 2015 den Kölner E-Sport-Veranstalter Turtle, weltweit eine große Nummer in der Branche. Turtle und damit die Schweden sind im Besitz der Electronic Sports League (ESL), weltgrößter Veranstalter von E-Sport-Events. Rund eine Million Mannschaften sind dort gemeldet. Das Interesse ist riesig. Events locken Zehntausende Zuschauer in große Hallen, der Markt in Asien explodiert geradezu. 2016 wurden weltweit unfassbare 6 Milliarden Stunden E-Sport gesendet, zu 85 Prozent online, der Rest im TV. Hierzulande überträgt Sport1 und ProSieben immerhin auf seinem Nebensender Maxx, der Rest fasst die etwas skurril anmutenden Events eher mit spitzen Fingern an.

Das mediale Potenzial der neuen Massensportart mit begehrter Millennial-Zielgruppe haben Sender und Verlagshäuser nicht im Ansatz umrissen. Man beschäftigt sich lieber mit der Frage, wie aus dem Fußball der letzte Euro rauszuquetschen ist. Und lässt auch nächsten Meeker Report links liegen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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