Into the wild? Welcome to the mainstream!

16.05.2014

Anspruch und Wirklichkeit der re:publica 2014.

Vor ziemlich genau sechs Jahren, durfte ich das erste Mal eine re:publica besuchen. Es war befreiend, sich drei Tage lang ausschließlich mit Themen befassen zu können, die damals noch häufig im beruflichen Alltag auf der Strecke blieben: Netzpolitik, sozio-kultureller Wandel, neue Technologien und mediale Revolutionen.

Sechs Jahre später hat sich die re:publica deutlich gewandelt: aus dem Insider-Treff wurde ein europaweit anerkanntes Event. Eine Konferenz über die man spricht. Ein “Netzkultur-Festival” habe ich es im vergangenen Jahr genannt. Und auch dieses Jahr war die re:publica als “Gesellschaftskonferenz” angetreten, wollte ausloten, wie das “Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis” uns neue Wege zum Umgang mit mittlerweile allgegenwärtigen Fragen erschließen kann.

Doch genau an diesem Punkt versagte die Konferenz: sie will die Netzgemeinde aktivieren. Wahrheiten zu finden, sei nicht das Ziel der re:publica. “Wir sind auf der Suche nach Kraft!”, eröffnete Tanja Häusler die diesjährige re:publica. Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite eine Konferenz mit dem Anspruch, die Gesellschaft zu verändern und auf der anderen Seite ein 3tägiges Programm, das dieses Jahr mehr denn je vom Wunsch nach Akzeptanz und Selbstdarstellung getrieben war. Der re:publica sind die Impulse abhanden gekommen. Wer die Gesellschaft verändern will, sollte doch auch versuchen die Gesellschaft einzuladen, jene zum Tanz zu bitten, die sich ohnehin schon jeden Tag mit Überwachung, Datenflut, digitaler Durchdringung und Technologie befassen.

Ich habe mich drei Tage lang gefragt, was “Into the wild” uns sagen will. Und – in Anlehnung an das visuelle Erscheinungsbild der re:publica 2014 – kam ich immer wieder an den Punkt, dass wir doch schon längst in der Wildnis angekommen sind. Das Problem scheint für viele Vertreter der sogenannten Netzgemeinde zu sein, dass sie mittlerweile den Wald/die Wildnis vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

“Community Building ist eine harte Sache, und viele Netzaktivisten stehen knapp vor einem Burnout” diagnostizierte Teresa Bücker in ihrem Vortrag. Doch die wirklich spannende Frage nach dem “warum?” stellt sie nicht. Warum brennen wir aus, warum sehen wir uns am Rande der Erschöpfung angekommen? Vielleicht weil wir gegen Windmühlen kämpfen, weil wir es uns im Diskurs als Dauerzustand gemütlich gemacht haben? Seien wir doch mal ehrlich: dem Durchschnittsuser, der Majorität der Netz-Nutzer geht die NSA am A… vorbei. Das Netz ist in der Ignoranz angekommen. Into the wild? Welcome to the mainstream!

Natürlich war auch das diesjährige Programm nicht arm an Versuchen, neue Wege aufzuzeigen. Aber was ist wirklich neu? Ein Großteil der Sessions hätte auch als “re:publica 2013 B” durchgehen können. Man hat alles schon irgendwann gehört, die Diskussion läuft um sich selbst herum. Nur wenige Vorträge haben es in diesem Jahr geschafft, eine Brücke zu bauen, eine Straße in Richtung Zukunft, mehr Antworten zu geben als nischige Fragen zu stellen. Denn es geht eben nicht um die Netzgemeinde, es geht nicht um Technologien, es geht um Menschen. Und um das was Technologie, was das Netz mit ihnen macht.

Wir “ranten” uns durch drei Tage re:publica und beherzigen dabei noch immer nicht, was wir uns schon in den vergangenen Jahren vorgenommen haben: #machen und #action und #insideout! Die Netzpeople sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihnen der Blick für das große Ganze abhanden gekommen ist.

Viktor Mayer-Schönberger hat in seinem Vortrag über die ethischen Grenzen von Big Data das geliefert, was ich ansonsten auf der diesjährigen re:publica schmerzhaft vermisst habe: Einsichten und Blickwinkel die auch außerhalb des re:publica Publikums verstanden werden. Ein Stream den ich hiermit auch allen Nichtbesuchern ans Herz legen möchte:

“Die Netzgemeinde hat versagt!” lautete das vernichtende Urteil von Sascha Lobo schon am Ende des ersten Konferenztages. Sogar der Bayerische Vogelschutzverband sei besser organisiert und nutze die ubiquitär verfügbaren technologischen Mittel besser, als jene, für die die re:publica einst geschaffen wurde: Blogger, Netzaktivisten, digitale Pioniere und investigative Kreative. Doch die Kritik geht genau am Problem vorbei: denn so lange sich die Netzgemeinde als etwas besonderes, als eine exklusive Kaste digitaler Hochleistungspublizisten begreift, sich fragt, wie man sich besser organisieren könne, statt mehr Durchdringung mit der Gesamtgesellschaft zu fördern (und zu fordern) – so lange wird sich eben auch nichts ändern.

“Geschichte schreiben heute nur noch Nerds” lautete die These in einem der Vorträge. Ich meine, Geschichte schreiben wir alle. Und wir Nerds müssen allen anderen helfen, diese Geschichte zu digitalisieren. Die re:publica sollte zu einem Forum werden, Austausch fördern, ein breiteres Publikum versammeln, mit weniger Frontalunterricht und mehr offenen Diskussionsmöglichkeiten die Grenzen zwischen digital und nicht-digital endgültig aufheben.

Ich richte damit meinen abschließenden Wunsch für die re:publica 2015 bewusst an alle, nicht nur die Netzjünger. Je weiter Ihr in Eurem Arbeits- und Lebensumfeld von digitalen Themen entfernt seid, um so mehr möchte ich Euch ans Herz legen, die nächstjährige Konferenz zu nutzen, Berührungspunkte zu schaffen und das Netz den Nerds zu entreißen!

Jo Wedenigg

als Director Social Media verantwortlich für die Vernetzung von Influencern, Communities und relevanten Inhalten. Für den gelernten Volks- und Betriebswirt gibt es nur eine Zielgruppe: Menschen.




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