Über Journalisten

30.06.2017

Der Neuigkeiten-Check zur großen PR-Umfrage unter Journalisten.

Wie ticken Journalisten? Was treibt sie um, was nervt sie, was sorgt sie? Für Unternehmen wie Agenturen noch immer elementare Fragen, allen Debatten über die abnehmende Bedeutung von Earned Media zum Trotz. Und das dürfte noch eine Weile so bleiben.

Aufschluss bietet regelmäßig die Umfrage „Brennpunkt Journalismus” von der dpa-Tochter news aktuell und den Kollegen von Faktenkontor. Mehr als 1.700 Journalisten nahmen teil – und lieferten mal wieder interessante, wenn auch bisweilen verwunderliche Ergebnisse.

news-aktuell-Umfrage unter Journalisten: Was die Medienmacher am meisten nervt

Pressesprecher, die nicht auf Anfragen reagieren  

Für mehr als die Hälfte (51 Prozent) ist das ein ernsthaftes Problem. Nachvollziehbar, denn Pressesprecher, die „ghosten“, sind im Job zweifellos eine Fehlbesetzung. Pressesprecher, die vor lauter Mails und Rückrufbitten den Überblick verlieren, auch. Aber: Wer in der PR-Branche arbeitet, dem ist das Phänomen hinlänglich bekannt – von Journalisten selber. Auch jahrelange Bekanntschaft oder früherer intensive Zusammenarbeit führen nicht zwingend dazu, dass Mailanfragen beantwortet werden. Redakteure anzuschreiben, ist immer auch eine Art Lotterie. Zeitdruck und Mailflut werden dann gern als Argumente angegeben – die könnten allerdings auch die Pressesprecher ins Feld führen. Es wäre wunderbar, wenn das Umfrageergebnis in den Redaktionen auch zur Selbsterkenntnis führen würde.

Schönfärberei      

Kurz hinter den schweigsamen landen die schönfärbenden Pressesprecher. 45 Prozent der befragten Journalisten stören sich an zu viel eigener Lobhudelei, fast genauso viele an unehrlichen Sprechern. Beides geht ohnehin Hand in Hand.

Handwerkliche Fehler  

Während Sprechern in Sachen Offenheit von höherer Stelle häufig Knebel angelegt sind, liegt der nächste Punkt der Kritikliste in ihrer eigenen Hand. Handwerklich schlechtes PR-Material geben 40 Prozent der Befragten als Nervfaktor an. Ein ärgerlicher Punkt, der durch Beachtung professioneller Regeln zu beheben ist. Interessantes Detail: je höher die Position, desto höher die Ansprüche. Während Chefredakteure zu 51 Prozent schlechte Pressemeldungen als Problem ausmachen, sind es bei den „normalen” Redakteuren nur 35 Prozent. Das nimmt dem Ganzen etwas die Brisanz, denn Adressaten von Mitteilungen sind in der Regel die Redakteure, nicht deren Chefs.

Was Medienmachern wichtig ist

Bei allem tatsächlichen (oder vorgeschobenen) Zeitdruck: Das persönliche Gespräch ist für überragende 58 Prozent der Befragten das wichtigste Recherche-Tool. Der hohe Wert überrascht: Das deckt sich nicht unbedingt mit den Erkenntnissen so manches PR-Treibenden, und für den größten Teil der Online-Redakteure trifft dies mit Sicherheit nicht zu. Hier spielt der Faktor Zeit (und Geld) dann wirklich die überragende Rolle.

Für Unternehmen und Marken interessant: die Homepage ist den Journalisten für die Recherche wichtiger als die Social-Web-Aktivitäten. Das Content Hub der eigenen Website geht im allgemeinen Hype um „Homeless Media“ häufig unter. Mit Blick auf den End-Konsumenten vielleicht verständlich, mit Blick auf die Journalisten mit Sicherheit ein Fehler.

Positiv: Die Branche zeigt sich sehr selbstkritisch, sorgt sich stark um die eigene Glaubwürdigkeit, die fast 60 Prozent gefährdet sehen. Und zwar durch eigene Umtriebe wie Clickbaiting, ungeprüftes Abschreiben oder Kuratieren etc., nicht unbedingt durch Fake News. Die sieht nur etwas die Hälfte als Problem.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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