Jung, talentiert, auf der Flucht

05.10.2018

Warum Nachwuchsjournalisten ihre Zukunft im Content Marketing sehen

Sie sind jung, gut ausgebildet und talentiert. Und weil sie auch Geld brauchen, kehren sie dem Journalismus den Rücken. Weil ihre Stelle kurzfristig gestrichen wurde, weil schon länger klar war, dass der Verlag keine Volontäre übernimmt, aber auch, weil sie sich für die Zukunft absichern wollen. Und die sehen sie eher im Content Marketing.

Wer als Kommunikationsagentur dieser Tage Stellen ausschreibt, kann viele junge Journalisten kennenlernen. Sie kommen von großen Regionalverlagen, renommierten Onlineportalen, bekannten Magazinen. Sie haben gar kein Problem damit, wenn man mal den Chefredakteur zwecks Referenz anrufe, von dem man sowieso schön grüßen solle. Wurden früher eher die Low-Performer im Journalismus aussortiert, gehen jetzt sogar die bestens Beleumundeten. Beziehungsweise müssen gehen. Hat man früher in eher gesetztem Alter die „Seiten gewechselt“, geschieht das mittlerweile schon als Junior. Subjektive Einschätzung nach diversen Bewerbungsgesprächen: Die junge Generation flieht aus dem Journalismus.

Die Symptome

Befreundete Redakteure klagen darüber, dass sie keine Praktikanten finden. Andere monieren, dass die Redakteursbewerber immer schlechter werden. Bei denen, die sie dann einstellten, sinke die Einsatzbereitschaft. Bei Ausschreibungen für Volontariate rannten die Kandidaten den Verlagen früher die Türen ein, inzwischen ist die Zahl der Bewerbungen oft überschaubar, zumindest bei kleineren Adressen. Kein Wunder, denn die Übernahme nach der Ausbildung wird zusehends unwahrscheinlicher, wie auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) beklagt.

Das sagen die Zahlen

Die renommierten Journalistenschulen können sich über Bewerbermangel zwar nicht beklagen, aber ihre Zahlen zeigen, wie kritisch die Lage für Jungjournalisten ist. Beispiel Deutsche Journalistenschule in München: 2016 bewarben sich etwa 2000 junge Menschen auf 45 Plätze. Von ihnen bekam nur etwa jede/r Dritte eine Redakteursstelle.

Da können Manager und Chefredakteure noch so sehr davon fabulieren, was für spannende Möglichkeiten die Digitalisierung der Branche böte, der das Beste ja erst noch bevorstünde. Ihre Youngster nehmen es ihnen nicht mehr ab.

Content Marketing ist hip

Die Affinität zu Marken und Marketing ist bei jungen Redakteuren viel höher als bei früheren Generationen von Journalisten. Es ist nicht mehr verpönt, für Unternehmen zu schreiben, sondern gilt heute – entsprechendes Thema vorausgesetzt – als sexy. Der Typus kritischer, investigativer Aufdecker dagegen wird immer seltener. Um Missverständnissen in der Bewertung vorzubeugen: Letzteres ist sicher keine begrüßenswerte Entwicklung. Prominente Seitenwechsler verstärken den Trend: Kai Diekmanns Storymachine und die Looping Group von Ex-stern-Chef Dominik Wichmann stellten gleich reihenweise Journalisten ein.

Gleichzeitig gibt es kaum bekannte Fälle, in denen Content Marketer oder andere Kommunikatoren wieder in den Journalismus wechseln. Gibt es einen Weg zurück? Mittlerweile eine irrelevante Frage.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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