Vollblut-Schreibtischtäter

03.08.2018

Warum es dem heutigen Journalismus an Recherche fehlt

Der Journalist Michael Jürgs darf als streitbar bezeichnet werden. Legendär wie umstritten beispielsweise das Interview, das der damalige Unterhaltungschef (und spätere Chefredakteur) des Sterns mit der betrunkenen Romy Schneider 1981 führte. Überschrift: „Im Moment bin ich ganz kaputt…“. Als Blattmacher war Jürgs nicht überragend erfolgreich, weshalb er seit vielen Jahren als Publizist durch die Lande zog, häufig mit klugen Aussagen im Gepäck.

Jetzt hat Jürgs, inzwischen schwer krebskrank, in einem Essay für das Handelsblatt mit dem Journalismus in Deutschland abgerechnet. Die doppeldeutige Headline heißt „Deadline“. Einiges daran wirkt wie Durchhalteparolen eines Vollblut-Journalisten, der sich mit dem schleichenden Bedeutungsverlust seines Standes nicht abfinden will. In einem Punkt bohrt Jürgs allerdings tief in der Wunde des angeschlagenen Patienten, wenn er nämlich auf das Thema Recherche eingeht.

„Ohne eine moralische Haltung ist alles nichts, sie allein genügt aber nicht. […] Zu viele Meinungsmacher halten sich zum Volkstribun berufen, statt sich zu besinnen auf die Wurzeln des Berufs: Neugier auf das, was man nicht kennt. […] Comments are free, facts are sacred. Meinungen sind frei, richtig, aber Fakten sind heilig.”

Heißt also: Weniger kommentieren, mehr recherchieren

Man kann nur hoffen, dass der Branchennachwuchs „seinen Jürgs“ liest. Der Griff zum Telefonhörer, der Besuch vor Ort gehören heute nicht mehr überall zu den grundlegenden Tätigkeiten von Journalisten. Die traditionell knappen Reisebudgets für Onliner führen selbst auf großen Websites dazu, dass ganze Schwerpunkte ohne tiefer gehende Recherche verfasst werden. Spiegel Online brachte kürzlich gleich sieben Stücke untereinander zum Fall Özil. Kommentierendes, Analysierendes oder Historisches, ohne dass irgendeine Stimme aus Özils Umfeld oder gar der Ex-Nationalspieler (zugegeben schwierig…) selber zu Wort gekommen wäre.

Der Journalistentypus Schreibtischtäter

Nur ein prominentes Beispiel. Ein neuer Typus Journalist übernimmt. Zeitdruck und Zeitgeist haben ihn geformt: Den Schreibtischtäter, der anstatt mühsam im Dreck zu wühlen und sich die Finger erfolglos wund zu telefonieren aus dem Newsroom heraus die Welt betrachtet, wohlfeile Gedanken niederschreibt und dabei womöglich auch noch darüber sinniert, dass die Elite mit dem Volk nichts mehr zu tun habe. Durchaus gefällig formuliert, mit klugen Gedanken – die folgerichtig durch keinen Gesprächspartner ins Wanken gebracht werden.

Logisch auch, dass zu den „Lesebefehlen“ im Netz eher selten große Recherchestücke zählen – und die sind meist Print-Spin-offs. Da ist das hervorragende Zeit-Stück über den desperaten Ex-Journalisten Matthias Mattussek fast schon ein Leuchtturm. Das Social Web spricht lieber über Provokantes wie das umstrittene Pro und Kontra zur Flüchtlingsseenotrettung aus der Zeit oder den Anruf bei einer Kartoffel von Spiegel Online. Haltung und Humor – darauf kommt es inzwischen an. Recherche und Konfrontation mit Andersdenkenden sind da zweitrangig. Es gibt Online-Autoren, die am Tag drei Stücke zum Besten geben, ohne dabei irgendjemand anderen zu Wort kommen zu lassen.

Ist das noch Journalismus?

Da ist es denn kein Wunder, dass die Grenzen zwischen Bloggern und Journalisten immer mehr verwischen und sich Schreiber politisch zweifelhafter Plattformen wie Tichys Einblick auf einmal als die wahren Journalisten (statt der GEZ-Systemlohnknechte) empfinden, nur weil sie ihr teils krudes Gedankengut verschriftlicht haben. Recherchiert wird dabei natürlich nur an einem Ort: in der eigenen Befindlichkeit.  

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog