Switch off the hells bells

17.12.2014

Eine Kolumne von Franziska von Lewinski.

Für SAAL ZWEI schreibt fischerAppelt-Vorstand Franziska von Lewinski in ihrer Kolumne über Erfolgsmomente und Herausforderungen im Berufsalltag – diesmal über den vorweihnachtlichen Jahresendstress und die Sehnsucht nach Entschleunigung.

Es ist ja eigentlich nicht unbedingt die Jahreszeit dafür. Aber ich muss zugeben, dass ich mich schwer verliebt habe. Und mein Mann kann das ruhig wissen. Denn das Objekt meiner Begierde ist eine App – die Weihnachtsmarkt-App von Travelbook. Da bekommt man/frau digital eingeschenkt, wo um die Ecke der schönste Weihnachtsmarkt lockt. Weihnachtsklingeltöne gibt es natürlich en passant zum Download to go. Und in die Gefahr, zu lange dem Punsch zu frönen, kommt man durch die App erst gar nicht, weil der Geschenke-Reminder jeden aus den schönsten Jingle-Bells-Träumen in die beschleunigte Realität der Vorweihnachtszeit zurückbugsiert.

„Schaltet doch einfach mal alle ab!“

Der Advent ist Stress pur. Digital beschleunigt in diesen Tagen. Hells Bells statt Jingle Bells. Man möchte fast laut rufen: „Schaltet doch einfach mal alle ab“. Das betrifft nicht nur das Leben außerhalb des Büros. Ganz massiv im November und Dezember allerdings Agenturen – seien sie in Sachen PR, Kreation, Werbung oder Digital unterwegs. Das liegt nicht daran, dass wir mit Weihnachtsmarkt-Apps, „Christmas-Gift-Suggestors“ oder – der Hit – digitalen Adventskalendern die geforderte vor- und weihnachtliche Besinnlichkeit herbeiführen wollen. Im Agentur-Business heißt Advent immer auch Jahresendrallye. Vor allem sind es Kunden, die noch ihre Budgets auf Christkind komm raus realisiert haben wollen, bevor der Stern von Bethlehem wieder versinkt. Ich will mich nicht beschweren oder gar lamentieren ob der Hektik, die sich teilweise vom Kunden auf die Berater überträgt. Setzt sie doch durchaus nicht gekannte Energie und Kreativität frei. Unter Druck arbeitet es sich bisweilen effizienter und zielführender. Was bei der Aktion und dem Aktionismus aus den Augen verloren wird, ist die Besinnlichkeit. All die digitalen Gadgets und Apps, Websites, Blogs und Foren sollen uns eigentlich dabei helfen, Zeit zu gewinnen. Fürs Nachdenken, fürs Kreativsein – und für Besinnlichkeit. Und dass dieser Fokus ausgerechnet in der Advents- und Weihnachtszeit völlig verloren geht, ist schon eine besondere Absurdität.

„Ich baue mir eine Schnee-App.“

Besonders perfide lebt sich diese Absurdität beim Thema „weiße Weihnacht“ aus. Alle träumen davon. Schon Anfang Dezember werden die Wetterfrösche im Fernsehen damit gelöchert, ob es dieses Jahr denn was wird, mit der weißen Weihnacht. Warum das so ist? Weil der Schnee die Städte, das Land unter eine Haube nimmt, die Geräusche dämmt, den Verkehr entschleunigt oder gleich ganz zum Stehen bringt. Es entsteht eine Ruhe, die uns Menschen dazu zwingt, wonach wir uns insgeheim sehnen. Nämlich abzuschalten. Zur Ruhe zu kommen. Frieden. Den Schalter von Agilität auf Besinnlichkeit zu legen. Aber was tun wenn der Schnee ausbleibt? Wie stillen wir die Sehnsucht nach Besinnlichkeit? Wenn der Schnee uns schon nicht hilft, abzuschalten, müssen wir es selber tun. Ich habe vorgesorgt und reagiert. Es ist kein Kundenauftrag aus dem letzten Fitzelchen Budget, dass er noch zum Jahresende ausgeben muss. Ich baue mir eine Schnee-App, die mein Smartphone-Display mit weißem Gestöber, einer wattigen Schicht aus Ruhe und Harmonie überzieht. Eine App wie eine Schneekugel, in der sich die Gedanken verlieren, als gäbe es die digitale Welt gar nicht. Ich drücke auf den Knopf und werde von „always on“ zu „switch off“ gebeamt.

Diese Kolumne ist erschienen auf SAAL ZWEI. Über SAAL ZWEI
Top-Entscheiderinnen schreiben exklusiv für SAAL ZWEI über ihren Berufsalltag: Über vertrackte Probleme, pragmatische Lösungen, kuriose Begegnungen und gute Gründe, die Ernsthaftigkeit des Jobs auch mal hinter sich zu lassen.

Franziska von Lewinski

verantwortet im Vorstand der fischerAppelt-Gruppe die Ressorts Digital und Innovation.




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