Mutprobe #KK18

28.09.2018

Über das Motto des Berliner Kommunikationskongresses 2018

In Berlin fanden sich Deutschlands Pressesprecher dieser Tage mal wieder zum großen Klassentreffen ein. Kommunikationskongress nennt sich das Ganze. Zwei Tage Vorträge, Diskussionen, Networking, feiern. Ein paar Journalisten sind auch dabei. Schließlich muss ja auch die „Gegenseite“ zu Wort kommen.  2017 hieß das Motto „Relevanz“, in diesem Jahr „Mut“. So war es denn auch folgerichtig, dass ein Panel „Mut zur Relevanz“ hieß. Ja, der Begriff Mut wurde reichlich überstrapaziert.

„Im Winter läuft die Heizung, im Sommer die Klimaanlage. Hier wird nicht geschossen und wer Merkel kritisiert braucht hinterher keinen Personenschutz“, fasste Focus-Vize Jan Schäfer am Freitag auf der Bühne die Lage zusammen und schlussfolgerte, dass man in Deutschland nicht wirklich Mut brauche. Reporter in Russland oder China – die bräuchten Mut.

Auf dem #kk18 dagegen wurde sehr vieles „vermutet“. Für Innovation, Eigenverantwortung, Relevanz, direkte Kommunikation, gesellschaftliches Engagement, agiles Arbeiten – für all das und vieles mehr muss man laut Kongressprogramm Mut besitzen. Logisch, dass die personifizierte Mutprobe Dunya Hayali eine Keynote halten durfte.

Die ist bei Kommunikations-Konferenzen mittlerweile Dauergast. Schließlich sind Haltung und ihr großer Bruder Mut seit Jahren Leitfäden von Diskussionsrunden und Vorträgen, mit denen die Branche signalisieren will, dass ihr die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in diesem Land nicht egal sind. Zeichen sollen gesetzt werden, doch für die Ausrufezeichen lädt man sich dann lieber Journalisten ein. Arbeitsteilung: Kommunikatoren rufen voller „Mut“ dazu auf, beruflich ständig Neuland zu betreten. Vor wirklichen Mutproben wird gekniffen. Wer weiß, wie es beim Kunden ankommt. Um Hass und Extremismus kümmert sich ja schon die Hayali. Dabei, so fragt Fischer-Appelt-Vorstand Matthias Wesselmann im Gespräch mit dem PR-Journal ganz richtig: „Ist es mutig, sich gegen Rechtspopulismus zu stellen, oder ist es nicht sogar erste Bürgerpflicht?“ Er tendiere zu Letzterem und sagt, es dürfe auch für Unternehmen keinen Mut erfordern, kommunikativ ihrer moralischen Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft nachzukommen.

Das Publikum forderte den Mut teilweise lustvoll ein. Ein Panel von Verbandsvertetern, das keinen bewies, wurde aus dem Publikum gar angegangen. Ja, das Versprechen des Kongresses war für viele eine Last und konnte oft nicht eingelöst werden. Vielleicht sollte man einfach mal wieder weniger Meta-Ebene und mehr Handfestes wagen.

Der Autor dieser Zeilen fährt jetzt auf jeden Fall couragiert den Rechner runter, macht vorzeitig Feierabend und nennt es Mut zur Entschleunigung.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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