„GroKo” macht aggressiv

09.02.2018

Wenn aus Langeweile Aggression wird

„Waaas? Keine Zeitung gelesen?“, echauffierte sich die Ministerial-Mitarbeiterin, als ich sie fragte, wer denn ihr neuer Ressortchef werde. „In der Postkutsche lag diesmal keine Depesche aus“, war ich geneigt zu kontern, entgegnete aber stattdessen, dass es im Internet meist um die Besetzung des Finanzministeriums gegangen sei.

Presse vs. GroKo

Ministerien gehören offenbar zu den letzten Orten, an denen man morgens vor lauter Blätterrascheln sein eigenes Wort nicht versteht. Was die Mitarbeiter dort lesen, wird ihnen dieser Tage überhaupt nicht gefallen. Selten ist eine Regierung so negativ, geradezu feindselig, begrüßt worden, wie die x-te Auflage der „GroKo“. Genau das dürfte die eher mittelgroße Koalition diesmal aber weit spannender machen als ihre Vorgänger. Die haben Deutschlands Redaktionen derart gelangweilt, dass aus Müdigkeit mittlerweile Aggression geworden ist. Der GroKo wird von Tag 1 Zukunftsfähigkeit weitgehend abgesprochen. Genau diese Aggressivität macht die neue Koalition interessant – zumindest die Berichterstattung über sie. Der Fall Schulz hat das am Freitag eindrucksvoll gezeigt.

BILD.de-Aufmacher am Freitag

Bestes Beispiel: BILD. Die gibt dieser Tage das Sprachrohr enttäuschter Christdemokraten. „Merkel schenkt der SPD die Regierung“, war auf der ersten Seite zu lesen, daneben eine in einen Kommentar gegossene brettharte Abrechnung mit der Kanzlerin, die man von BILD-Politikmaster und Merkel-Biograf Nikolaus Blome („Die Zauderkünstlerin“) so bislang nicht gewohnt war.

Auf die BILD, das wird klar, wird sich die Kanzlerin bei aller Nähe zur Verlegerin Friede Springer nicht mehr verlassen können. Chef Julian Reichelt kann jetzt beim Boulevard-Riesen durchregieren, und ihn zeichnet, zurückhaltend formuliert, Beharrlichkeit aus.

Rohrkrepierer: BILD-APO nach der letzten Bundestagswahl 2013

Die Kampagne gegen die „Ich-Regierung” wird jedenfalls deutlich schärfer und hartnäckiger ausfallen, als die BILD-APO, die Reichelts Vorgänger Kai Diekmann 2013 ins Leben gerufen hatte. Es war angesichts ihrer „Verdienste“ während der Studentenrevolte von 1967 eine schöne, zynische Idee, ausgerechnet die BILD zur Außerparlamentarischen Opposition gegen die „GroKo“ zu machen. Da Diekmann sich aber mehr fürs Silicon Valley als den Reichstag interessierte, wurde die Aktion zum Rohrkrepierer.

Der vermeintlich perfekte Mord

Jetzt dagegen kann Merkel froh sein, dass BILD nicht mehr den Einfluss früherer Tage hat. Apropos: Es musste Gabor Steingart, frisch gebackener Ex-Herausgeber des Handelsblatt, extrem gewurmt haben, dass seine Genossen sich monatelang kaum um sein „Morning Briefing” scherten. SPD-Mitglied Steingart hatte sich in seinem morgendlichen Newsletter an Martin Schulz abgearbeitet, sobald der die Bundes-Bühne betrat. Trockener Alkoholiker, fehlendes Abitur – der Herausgeber ließ nichts aus.

Bis zu dieser Woche. Denn den Umgang Schulz’ mit Sigmar Gabriel als „perfekten Mord“ zu bezeichnen, gefiel Verleger Dieter von Holtzbrink gar nicht. Bislang ließ er seinen Front-Journalisten stets gewähren und steckte reichlich Geld in dessen Projekte. Damit ist es vorbei. Was zunächst Steingarts Ex-Arbeitgeber SPIEGEL (auch da Abschied im Zwist) berichtete, wurde kurze Zeit später offiziell bestätigt. Parallel dazu fiel dann auch Martin Schulz – eigentlich zu unglaubwürdig für jede Seifenoper. Der „ermordete” Gabriel scheint also wieder aufzustehen. Dass sein Narrativ zerstört ist, wird für Steingart am Freitag das geringste Problem gewesen sein.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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