Medien im Wahlkampf: Das große Schnarchen

01.09.2017

Warum der diesjährige Wahlkampf in Lethargie kaum zu übertreffen ist

Forsa macht Hoffnung. Jeder zweite wahlberechtigte Bürger, so eine Umfrage im Auftrag des stern, wolle sich am Sonntag das TV-Duell der Kanzlerkandidaten anschauen. Das macht fast so viel Zuschauer wie beim WM-Endspiel 2014. So dramatisch wie gegen Argentinien wird es aber wohl nicht werden, was ebenfalls den stern unter dem Titel „…eine erst gemeinte Warnung” zu der Aufforderung veranlasste, sich das TV-Duell bloß nicht anzuschauen. Das Hamburger Magazin rät den von ihm vermittelten hoffnungsvollen 48 Prozent also: Lasst es sein! Als nächstes gibt es dann vielleicht die Empfehlung, nicht zur Wahl zu gehen?

Eine etwas kuriose, aber typische Anekdote über die Rolle der Medien in diesem, nun ja, Wahlkampf. Die Materie wird noch langweiliger gemacht, als sie ohnehin schon ist. Etwa durch das ständige mediale Lamento der aussitzenden Kanzlerin, die jegliche Attacke verweigere und nicht mal „Martin Schulz“ über die Lippen bringe. Oder die resignierte Erkenntnis, dass Schulz erst die falschen Themen (soziale Gerechtigkeit, soziale, Gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit) und dann gar nichts mehr besetzt habe. Bis das Bashing gegen die Golfspieler kam, der ihm immerhin mal wieder etwas Aufmerksamkeit bescherte. Auch wenn das Echo von der Stimmung her etwa auf Veggie-Day-Niveau lag. Stichwort „Golf-Krieg”.

„So egal ist die Wahl eigentlich nicht“

Man ist ja schon froh, über solche – objektiv betrachtet reichlich banalen – Aufreger. Die Kandidaten selbst tragen zweifelsohne zu der Lethargie bei. Allerdings verstehen sich Medien bei anderen Themen aufs Hochjazzen, während sie beim Wahlkampf eher aufs Abmoderieren setzen. Nun ist es verständlich, dass in Tagen, in denen die Welt am Rande eines atomaren Konflikts wandelt, die Bundestagswahl der Verzwergung anheimfällt. Und auch der epische Texas-Hurricane „Harvey“ raubte zurecht etwas Attention. Aber etwas mehr als ein Aufmacher pro Woche mit Wahl-Bezug (so die derzeitige Quote der meinungsführenden deutschen Zeitungen) darf es schon sein. Immerhin wird in vier Wochen der neue Kanzler gewählt. „So egal ist die Wahl eigentlich nicht“, stellt die formidable Medienkolumne von evangelisch.de denn auch zurecht fest. Schaut man genauer hin, findet man beim Herausforderer zumindest Diskutables (Bildungsallianz). Und eine Frau, die für Energiewende und „Wir schaffen das“ steht, kann so langweilig nicht sein.

Politiker in den Medien

Einstweilen werden eher andere medial wahrgenommen. Der neue Polit-Posterboy Christian Lindner etwa, der es auf den Titel des Wirtschafts-Rebellenblatts „Business Punk“ schaffte. Headline: „Party-Crasher”. Oder Hipster-Hater Jens Spahn. Und Alexander Gauland natürlich, der AfD-Provokateur, der Menschen aus Deutschland schmeißen will. Bei dem wird dann tatsächlich immer häufiger gefordert, auch von Medienprofis, über seine kruden Thesen gar nicht mehr zu berichten, weshalb ARD-Talker Frank Plasberg Kritik auf sich zog, da er Gauland eine Bühne geboten hatte. Die AfD totschweigen – die Forderung passt zum medialen Bild im Wahlkampf 2017. Sie würde die Vorbehalte vom rechten Rand gegen „die Medien“, die das ausblenden, was ihnen nicht genehm ist, natürlich verstärken – und das zu Recht. Die Forderung, über die AfD-Kapriolen einfach nicht mehr zu berichten, ist so schwachsinnig wie die, sich nicht weiter um Donald Trump zu scheren.

Poster-Boy: Christian Lindner schafft es selbst auf Titel von Rebellen-Blättern

Internet-Formate sorgen für Aufmerksamkeit

Eine positive Entwicklung gibt es dann aber doch im Wahl„kampf” 2017. Kanzlerin und Kandidat haben tatsächlich das Internet entdeckt. Merkel stellte sich bei BILD und Handelsblatt live im Netz und wurde von Youtubern interviewt. Schulz war heute bei BILD.de zu sehen, auch er setzt auf eine Youtube-Fragerunde. Sein Problem: Er ist stets als zweites dran, was in Sachen medialer Aufmerksamkeit nicht gerade förderlich ist. Zum Handelsblatt übrigens, dessen Herausgeber Gabor Steingart den Kandidaten wiederholt als Alkoholiker und Schulabbrecher abgestempelt hat, geht Sigmar Gabriel (Steingart: „Der starke Mann der SPD”).

Immerhin sorgt der Wahlschnarch also für neue Formate. Da kann man das TV-Duell dann vielleicht wirklich vergessen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.

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