Der Totschweige-Auftrag

29.09.2017

Über die AfD und das Für und Wider der Berichterstattung

Nach dem Schock die Frage: Wie konnte es soweit kommen mit der AfD? Die erste oberflächliche Analyse ergab schnell Schuldige: ARD, ZDF, Medien generell. Mit ihrer ausufernden Berichterstattung über jedes hingeworfene Stöckchen hätten sie die Partei erst groß gemacht, lautet der lediglich von Gefühlen geleitete Vorwurf, der so ähnlich auch in den USA nach der Wahl von Donald Trump laut wurde.  Das Fanal setzte diesmal noch am Wahlabend CSU-Mann Joachim Hermann. In der neuen Woche nahm das Thema dann weiter Fahrt auf, bescherte dem Fachdienst Meedia die klickstärksten Texte.

So erhält in sozialen Netzen Beifall, wer das Thema Frauke Petry am Montag und Dienstag als medial hochgejazzt brandmarkte. Die Vorsitzende der drittstärksten deutschen Partei, die auch noch eines der ersten Direktmandate dieser Partei gewann, verlässt diese und will mit einer neuen Gruppierung ihr Glück versuchen. Hochgejazzt? Würden Christian Lindner oder Cem Özdemir dergleichen verkünden, würde dieser Vorwurf natürlich nie erhoben werden.

„Es geht darum, über einen Wahlkampf zu berichten.“

Es ist ein besonders krasses Beispiel für eine Debatte, der ein merkwürdiges Journalismus-Verständnis zugrunde liegt. Nämlich das, dass Journalisten doch bitteschön dafür zu sorgen hätten, dass die bräunliche Brut nicht in den Bundestag einzieht. Doch das ist nicht ihre Aufgabe, sondern vielmehr über das zu berichten, was einen Newswert hat. ARD-Chefredakteur Rainald Becker vollkommen korrekt: „Es ist nicht an uns, eine Partei groß oder klein zu machen, sondern es geht darum, über einen Wahlkampf zu berichten.“

Nichts anderes. Und die (angebliche) Mail einer Spitzenkandidatin für den deutschen Bundestag, in der die westlichen Verbündeten als „Schweine“ beschimpft werden, hat ebenso einen überragenden Newswert im Wahlkampf wie ein Spitzenkandidat, der stolz auf die Weltkriegsleistungen deutscher Soldaten ist.

Aufklärung leisten

Wer das verschweigen bzw. klein halten will, offenbart in mehrfacher Hinsicht ein fragwürdiges demokratisches Grundverständnis, nicht nur beim Journalismus, sondern auch in Sachen Aufklärung über rechtes Gedankengut. Zur politischen Bildung gehört nicht nur Historie, sondern auch, klar und deutlich aktuelle Tendenzen und Äußerungen zu brandmarken.

Und es ist natürlich auch notwendig, falsche Behauptungen auf AfD-Wahlplakaten öffentlich zu widerlegen. So geschehen in der Berichterstattung über das angeblich schlecht besuchte Oktoberfest. Es kann doch nicht ernsthaft verlangt werden, jede Lüge durchgehen zulassen, nur um weiteres Aufsehen zu vermeiden – und sich auf der anderen Seite über das Phänomen Fake News zu beklagen.  

Herrmanns Behauptung vom Sonntag kann man zumindest als alternatives Faktum ansehen, ARD und ZDF konnten mit kühlen Zahlen zu den Talkshow-Besuchen der Rechtspopulisten kontern, die eben keine übermäßige Präsenz belegen, sondern eher der AfD Grund zum Lamentieren geben.  

Als die Rechtspartei auch diese Woche nicht in Talkshows eingeladen war, gab es dann auch noch Kritik, nach dem Motto: Jetzt ist es eh zu spät, da könnt ihr sie auch einladen. Fazit: ARD und ZDF können es in der Causa definitiv kaum jemandem recht machen.

Hysterische Debatte: Hilft der SPIEGEL der AfD?

Überflüssig dagegen die hysterische Debatte über das jüngste SPIEGEL-Cover, das der AfD angeblich gar als Wahlplakat taugen könnte. Abgesehen davon, dass Medienschaffende mittlerweile über die Titel der Hamburger in einer Art und Weise richten, als würden diese einen von Steuergeldern finanzierten Bildungsauftrag erfüllen, handelt es sich hier in der Tat um eine vollkommen unnötige Aufwertung des Themas.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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