Vor dem Sex gibt's künftig News

23.06.2017

News-Update via Tinder? Der Neuigkeiten-Check über den Medienkonsum der Zukunft.

Good News aus der Medienbranche sind nicht unbedingt Massenware, umso erfreulicher, was das Reuters Institute of Journalism dieser Tage veröffentlichte. Das Institut untersucht alljährlich das Medienverhalten der Menschen auf dem ganzen Planeten. 36.000 wurden diesmal befragt. Ihre wichtigste Message: Politisch herausfordernde Zeiten treiben Medienkonsum und sogar Zahlungsbereitschaft der Leser – vor allem der jungen.  

Trump und sein kreativer Umgang mit der Wahrheit steigern das Verlangen nach seriösen News

Das jedenfalls lässt sich aus den Zahlen für die USA ablesen. Dort stieg die Zahl der Online-Abos binnen eines Jahres von neun auf 16 Prozent, unter Befragten zwischen 18 und 24 Jahren sogar von vier auf 18 Prozent. Als „Trump Bump“ bezeichnet das Nieman Lab der kalifornischen Stanford University den Satz. Was bisher nur anhand von einzelnen Abozahlen, beispielsweise der New York Times, belegt werden konnte, ist jetzt quasi amtlich: Der US-Präsident und sein kreativer Umgang mit der Wahrheit steigern das Verlangen nach seriösen Nachrichten und Analysen und die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben. In Deutschland wie auch in Resteuropa ist der Trend aus den USA leider noch nicht nachvollzogen worden. Vielleicht fehlt ein Treiber wie Trump, wichtiger aber: Es gibt es noch zu viele Gratisangebote. Denn die nannten die Befragten als wichtigstes Hemmnis, für Digitalinhalte zu bezahlen.

Trump-Effekt auf dem US-Medienmarkt

Das Interesse an Nachrichten, und das ist der positive Fakt vom hiesigen Newsmarkt, ist in Deutschland hoch wie in kaum einem anderen Land. 87 Prozent aller Onlinenutzer besuchen mindestens einmal täglich eine Newssite. Weltweit steigt der Konsum von News-Apps. Ein wichtiger Trigger: die zunehmende Zahl von Mitteilungen, die die Redaktionen auf Smartphones schicken. Das ist nicht gerade die positivste Nachricht: Schon jetzt wird viel aktivierender Clickbaiting-Schrott ausgespielt – Tendenz wohl leider steigend.

Der allgemeinen Bewegtbild-Euphorie im Netz wird dagegen ein kräftiger Dämpfer versetzt: Nur sehr wenige Befragte nutzen Onlinevideos, um sich mit Nachrichten zu versorgen. Das Interesse an TV-Sendern steigt dagegen.

Neue Medienkanäle für den Nachrichtenkonsum

Die Studie bringt auch interessante Aufschlüsse über die Medienkanäle der nahen Zukunft: Einer davon wird wohl Alexa sein. Die kleine Sprachtonne von Amazon wird jetzt schon von mehr Menschen zum Newskonsum genutzt als die deutlich ältere Apple Watch, die über den Status des Blender- und Poser-Gadgets wahrscheinlich nie hinauskommen wird.  

Und: Messenger gewinnen als Newskanäle weiter an Wichtigkeit. Etwa ein Viertel der Befragten nutzt WhatsApp oder den Facebook Messenger, um sich zu informieren.

Einmal nach rechts wischen: News-Check über Tinder?

Gut möglich daher, dass bald ein ganz neuer Player auf dem Newsmarkt erscheint: Die Dating-App Tinder wird derzeit ganz neu erfunden. Politiker entdeckten das Sex-Tool für den Wahlkampf. So machte in Deutschland 2016 ein Berliner SPD-Politiker mit dem passenden Namen Freier mit einer Tinder-Kampagne auf sich aufmerksam. Während er damit nicht erfolgreich war, will die New York Times in einem aktuellen Versuch herausgefunden haben, dass sie über die Dating-App erstklassig junge Wähler aktivieren lassen. Über einen Chat-Bot baggerte die US-Zeitung in Großbritannien zigtausend willige Wähler an, um sie zur Wahl zu bewegen – für Labour. Das Ergebnis war so überwältigend, dass die New York Times jetzt sogar spekuliert, das liberale Amerika könne über Tinder das Weiße Haus zurückgewinnen.

Bevor es so weit ist, dürfte sie erst mal damit beginnen, die App auch als Newskanal zu nutzen. Nun sollte man mutmaßen, dass die Menschen nach anderem als scharfen Kommentaren und heißen News suchen, doch eine Umfrage belegt: So eindimensional wie angenommen sind die Tinder-Menschen gar nicht unterwegs. Leitartikel als Eisbrecher? Im Trump-Zeitalter geht alles.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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