Mannomannomann und zu viele Männer

13.04.2018

Über die Gender-Debatte rund um den Nannen-Preis

Zeit, sich mal wieder dem Qualitätsjournalismus zuzuwenden. Der Nannen-Preis ist der Oscar unter den deutschen Journalisten-Auszeichnungen, von daher bot die Hamburger Elbphilharmonie diese Woche den würdigen Rahmen für die Verleihung.

Wie bei Gruppenfotos mittlerweile üblich, wurden beim Get-together der Geehrten fleißig Männlein und Fräulein gezählt. Mit gewohntem Ausgang: Die Herren lagen eindeutig vorn. Sie siegten zwar nicht zu Null wie bei Seehofer, aber so eindeutig, dass die Gender-Debatte in der einen oder anderen Veröffentlichung die starken journalistischen Leistungen der Herren glatt an den Rand drängte. Moderatorin Carmen Miosga fühlte sich prompt genötigt, einen Appell auszugeben. Die einreichenden Medien mögen doch auf mehr Ausgewogenheit achten. Denn die Jury hatte kaum die Möglichkeit, Frauen zu ehren, so wenig Texte aus weiblicher Hand lagen ihr vor. Dafür wurden in erster Linie die Altherrenclubs in den Chefetagen deutscher Zeitungen und Magazine verantwortlich gemacht.

Männerüberschuss: Nannenpreis-Gewinner 2018

Vorbildlicher Mix: Nannenpreis-Gewinner 2017 / Foto von Christoph Enke / Stern

Der Gedanke, dass Journalistinnen vielleicht 2017 einfach weniger Top-Leistungen erbracht haben, als im Jahr zuvor, wurde nicht geäußert. Denn vor einem Jahr gab es beim Nannen-Preis jede Menge Gewinnerinnen, was die Kritik jetzt aus meiner Sicht reichlich ungerecht macht. Das Gruppenbild von 2017 taugt für jede Diversity-Kampagne. Muss jetzt jedes Jahr aufs Neue die Geschlechterverteilung analysiert werden bei einer Veranstaltung, die bewiesen hat, eben kein Altherrenclub zu sein (übrigens auch, was die Jury angeht)? Geht es am Ende dann doch um Quoten? Ist die Geschlechterverteilung auf einem Gruppenfoto das alleinige Kriterium dafür, wie zeitgemäß und fortschrittlich die Versammlung ist?

Mehr „Mannomannomann”, mehr Diskussion

Zu den Geehrten gehörte in diesem Jahr Markus Feldenkirchen, dessen prämierte Reportage zu allem Überfluss auch noch „Mannomannomann” hieß. Sie handelt vom verzweifelten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, wurde im vergangenen Jahr kontrovers debattiert und erfuhr schließlich ihre verdiente Würdigung. Die Jury ließ klar erkennen, dass alles andere eine Nachricht wert gewesen wäre. Der SPIEGEL-Mann porträtierte den verzweifelten Kandidaten hautnah, ehrlich, ungeschminkt. Eine Wohltat in einer von Abstimmungen, Autorisierungen und Inszenierungen geprägten Medienwelt. Feldenkirchen und auch andere Gewinner und Nominierte machen klar, was Journalisten leisten können, wenn sie Menschen wirklich nahekommen.

Kommunikationsprofis schüttelten den Kopf, fragten, wie man als Politiker so etwas zulassen könne. Vielleicht müssten sie viel mehr solcher Sachen zulassen, was der Politik wie auch dem Journalismus helfen würde. Die so oft bemühte Phrase der Authentizität als Markenkern würde dann endlich mit Leben gefüllt werden und es gäbe Texte wie „Mannomannomann“, über die, wenn nicht ganz Deutschland, wenigstens ganz Polit-Berlin spräche. Kommt inzwischen selten genug vor. Und was den SPD-Kandidaten angeht: Am Ende hat Feldenkirchens Reportage immerhin bewiesen, dass man auch mit Martin Schulz Erfolg haben kann.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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