Neon & Co: Die schönsten Toten vom Print-Friedhof

20.04.2018

Diese Zeitschriften haben das Zeitlich gesegnet.

In den Nullerjahren noch Vorzeigeobjekt für unverdrossene Print-Schwärmer, ging es mit Neon seit 2011 steil bergab. Nun hat der Verlag Gruner + Jahr genug davon und stellt das Magazin mit der Juli-Ausgabe ein. Ein weiteres Opfer des drastischen Beliebtheitsverfalls gedruckter Produkte – vor allem in der jungen Zielgruppe, die Neon bedienen wollte. Für uns ein Anlass, sich auf dem Friedhof des Print-Journalismus umzuschauen. Das sind die schönsten Toten:

Neon

Ein Kind der Nullerjahre, mit deren Ablauf im Grunde auch das Schicksal des Twenty-Something-Befindlichkeits-Seismographen besiegelt war. Im dritten Quartal 2011 war der Höhepunkt der Auflage erreicht. Gut 254.000 Hefte verkaufte das Magazin, seinerzeit der Stolz von Gruner + Jahr und ein Beleg für hartnäckige Print-Verfechter, dass man mit gutem Journalismus eben doch dauerhaft gute Verkäufe erziele. Ein Trugschluss: Sechs Jahre später waren Ende 2017 gerade noch 60.000 Hefte übrig. Der Journalismus wurde nicht schlechter, aber die Twenty-Somethings treiben sich mittlerweile nur noch im Netz rum, anstatt gedruckt zu erfahren, wie sie sich in Job, Liebe und gegenüber ihren Eltern zu verhalten haben. Nach 15 Jahren ist bald Schluss mit Neon.

Wired

Wiederholt unternahm die amerikanische Tech-Ikone den Versuch, in Deutschland mit einem Magazin zu haussieren. Daran scheiterten schon andere US-Größen wie Vanity Fair oder People – und jetzt zum zweiten Mal Wired. Tech-Freunde halten sich einfach zu viel im Internet auf, da geht es ihnen wie der Neon-Zielgruppe. Wer soll da noch eine Zeitschrift kaufen? Wie bei Neon soll es zumindest online weitergehen. Auf Sparflamme versteht sich.

Financial Times Deutschland

Zeitungen kriseln seit Jahren, ohne dass eine eingestellt werden muss. Irgendein Käufer, irgendeine Synergie findet sich immer. Ausgerechnet für die hochwertige Financial Times Deutschland galt das nicht. Während andere als Untote weiterleben (Frankfurter Rundschau!), machte Gruner + Jahr mit dem lachsrosa Wirtschaftsblatt nach 12 Jahren kurzen Prozess. Journalistisch top war die FTD betriebswirtschaftlich ein beeindruckender Misserfolg: wenig Anzeigen, zu wenig harte Auflage, und keine vielversprechende Digital-Strategie, dafür hohe Verluste. Alle fanden die FTD toll, aber eben nur als Gratis-Blatt auf Geschäftsreise.

Coupé

Noch beeindruckenderer Auflagenschwund als bei der Neon. Kurz nach der Wende, als die Ostdeutschen endlich mit vernünftigen Magazinen ihre Lust am nackten Fleisch befriedigen konnten, stieg die Auflage der Sex-Postille auf über 900.000. Zur Jahrtausendwende, als das Internet langsam begann, dem Print-Markt in Sachen Sex das Wasser abzugraben, waren es noch 500.000. 2005 griff der Bauer Verlag nach dem Erotik- und Trash-Blättchen, dessen „Reportagen“ so viele Rügen vom Presserat kassierten, wie sonst nur die BILD. Der rapide Auflagenverfall schritt voran. Bauer wollte das Magazin schon nach kurzer Zeit einstellen, Mitarbeiter führten es im Kleinstverlag zunächst weiter. Ab 2009 – Auflage mittlerweile 35.000 – verliert sich jede Spur. Über das Ende findet sich im großen World Wide Web keine Meldung. Traurig eigentlich, wo die Zeitschrift so vielen Menschen Woche für Woche Freude beschert hat.

Tempo

Kult-Blatt für die urbane Avantgarde mit erlesensten Autoren. Thematisch der Zeit meist ein paar Schritte voraus. Christian Kracht gehörte zur Redaktion, was viel über die Qualität der Monatszeitschrift aussagte. Der Leserkreis des Zeitgeist-Magazins blieb bei allem Fame überschaubar, der Aufstieg des Privatfernsehens schadete dem Anzeigengeschäft. 1996 war nach zehn Jahren Schluss. Zum 20. gab es 2006 noch einmal eine satte Geburtstagsausgabe mit 240.000er-Auflage. Davon konnte Tempo in den 90ern nur träumen. Was für immer bleibt: Die großartige Fake-Ausgabe des „Neuen Deutschland“, die 1988 in Ost-Berlin verteilt wurde und zu drastischem Reformkurs („Glasklar“ in Anlehnung zu Gorbatschows „Glasnost“) aufrief. Staatsführung und Neues Deutschland waren not amused. Tempo zeigte, dass es auch Politik kann. Half langfristig aber auch nichts.

Max

Das Lifestyle-Blatt aus Hamburg litt am Ende unter ähnlichen Problemen wie Tempo. Das Kind der 90er schaffte es immerhin noch bis ins Jahr 2008, bevor der Burda-Verlag sich den Auflagenverfall nicht mehr mit anschauen wollte. Namhafte Journalisten versuchten sich an dem Monatsmagazin, zuletzt der heutige stern-Chefredakteur Christian Krug. Den Status von Tempo konnte das Hedonisten-Blatt aber nie erreichen.

Quick

Ausnahmsweise Mal kein Internet-Opfer: Deutschlands erste Illustrierte, die heute 70-Jährigen werden sie noch kennen, war schon am Ende, als so etwas wie die Print-Krise noch gar nicht gab. Das kurz nach dem Krieg gegründete Blatt, das in Hochzeiten mit einer Auflage von 1,7 Millionen nur knapp hinter dem stern rangierte, wurde 1992 quasi über Nacht eingestellt. Bei rund 700.000 lag die Auflage damals und damit über dem stern-Niveau von heute. Hier war nicht das Internet, sondern das Privatfernsehen Schuld: RTL und Co, thematisch in etwa ähnlich gelagert, hätten der Quick einfach zu viel Anzeigen weggenommen. Innerhalb von zwei Jahren sank das Aufkommen um 50 Prozent. Der Todesstoß für das Blatt, das Hitler-Sekretärin Traudl Jung zu seinen ersten Angestellten zählte.

Lui und Penthouse

Zwei weitere Erotik-Opfer. Der Ableger des französischen Männermagazins existierte nur 15 Jahre. Herausgeber war im Übrigen der Niederländer Heinz Losecaat van Nouhuys, zuvor Chefredakteur bei Quick. Es reichte nie zu mehr als der Nummer drei auf den deutschen Markt. Ein härterer Konkurrent des Playboys war da schon das Penthouse. Nach etwas mehr als 20 Jahren wurde es 2002 dennoch eingestellt und später diverse Male wiederbelebt. Ständig in neuen Verlagen, einer unbekannter als der andere. Ein Untoter, zuletzt gesichtet 2015, als ein Delmenhorster Verleger den x-ten Anlauf unternahm.

Player und Rund

2005 brach in Deutschland kurz vor dem Sommermärchen das Gründerfieber aus. Verlage und Unternehmen wollten das steigende Fußballinteresse für neue Fußball-Magazine nutzen. Der Markt war bis dahin ziemlich zementiert. Kicker und Sport BILD dominierten, 11 Freunde schafft es immerhin, eine junge, gebildete Nische zu begeistern. Mit Player und Rund drängten vor der WM gleich zwei neue Magazine auf dem Markt. Ersteres eher mit Lifestyle-Fokus, der die Swagger unter den Kickern bedienen sollte, bevor es den Begriff überhaupt gab. Zweites ging eher in Richtung 11 Freunde. Erfolg hatten beide nicht, wurden nach kaum zwei Jahren eingestellt. Rund lebt immerhin – unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit – im Internet weiter. Ob es Neon und Wired dort auch so lange gibt?

Vanity Fair und People

In den USA feste Größen, auf dem deutschen Markt Rohrkrepierer. Mit den Glamour-Magazinen bewiesen Condé Nast und Bauer, dass, was in Amerika funktioniert, in Deutschland bei gleichem Konzept auch gerne scheitert. Vielleicht war die Zeit auch zu spät für Neugründungen: Vanity Fair, gegründet 2007, existierte in Deutschland zwei Jahre. Für People war im Juli 2016 nach nur eineinhalb Jahren Schluss.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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