Netflix and Kick

09.03.2018

Der Einstieg der Streamingdienste in den Live-TV-Sportmarkt

Alle paar Wochen erscheinen Studien, die unser modernes Medienweltbild infrage stellen. Am häufigsten gilt das für das TV. Die Realität will sich einfach nicht verabschieden vom mittlerweile „linear“ genannten, klassischen Fernsehen mit Programmen, Programmzeitschriften, Mainzelmännchen und Viertel-nach-Acht-im-Frotteeschlafanzug-geduscht-auf-der-Couch-sitzen. Netflix and chill zum Trotz.

93 Prozent Fernseher-Nutzer

Jüngster Beleg: eine Umfrage von nextMedia Hamburg. Die Organisation ist extrem unverdächtig, klassische Medien zu pushen, handelt es sich doch um die Standortinitative der digitalen Medien. Und ihre von Statista durchgeführte Umfrage ergab: 86 Prozent der Menschen schauen Bewegtbild bevorzugt auf althergebrachte Weise – linear halt. Auch an der Abspielplattform hat sich nicht so viel geändert, wie es die mobilen Angebote von Sendern und Online-Giganten suggerieren: 93 Prozent nutzen den Fernseher, nur 36 Prozent das Smartphone. Das Tablet beweist mit 22 Prozent einmal mehr, dass es lediglich eine komplementäre Plattform ist.

Bei den 18- bis 29-Jährigen ist die Beliebtheit der non-linearen Angebote selbstredend höher, aber schon die Altersklasse der heute 30- bis 39-Jährigen zeigt, dass Old-School-TV auf dem Fernsehgerät noch lange eine wichtige Plattform sein dürfte.

Neue Streaming-Formate

Vielleicht kommt der totale Medienbruch aber auch schneller, als die nextMedia-Zahlen vermuten lassen. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sprach im Interview mit dem Männermagazin GQ aus, wer der Bundesliga künftig ihre Milliarden in die Kassen spülen dürfte: die Investitionsmaschinen Netflix und Amazon. Deren Einstieg in den Live-TV-Sportmarkt ist eigentlich überfällig. Netflix beispielsweise lässt bereits Sportdokus produzieren und steckt immer mehr Geld in non-fiktionale Formate aller Art. So ist sogar eine Talkshow mit Barack Obama im Gespräch. Und Amazon hat sich bereits die Online-Radio-Rechte an der Bundesliga gesichert.

Gegen die US-Giganten (auch Apple könnte eine Rolle spielen) wirken Player wie Sky und Eurosport/Discovery geradezu zwergig. Die Bundesliga-Rechte kosteten in der letzten Runde insgesamt 4,64 Milliarden Euro – für vier Jahre. In diesem Zeitraum würde Netflix, behält es das jetzige Niveau bei, umgerechnet 26 Milliarden Euro in neue Produktionen investieren. Kein Wunder, dass Rummenigge einen kräftigen Schub erwartet, was die TV-Gelder angeht. Für die Amerikaner dürfte die englische Premier League zwar weit attraktiver sein, aber fünf von sieben Rechtepaketen sind dort bis 2022 vergeben. In Deutschland laufen die Rechte zwei Jahre früher aus.

Das lineare Fernsehen wird dadurch nicht an Relevanz verlieren: Fußballspiele haben feste Anstoßzeiten, daran kann Netflix nichts ändern.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog