Bombenalarm – eine Medien-Geschichte

09.12.2016

Dirk Benninghoff über den Wirbel um die Big-Data-Story zu Trumps Wahlsieg.

Es dürfte der meistgelesene Text der Schweizer Mediengeschichte sein – zumindest im Ausland: Jeder, der sich wenigstens ab und an im Netz informiert, wird von der Story mit dem etwas sperrigen Titel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ zumindest gehört haben. Rund 5.500 Treffer erhält, wer auf Google den vollständigen Titel eingibt. Seit der Veröffentlichung am vergangenen Wochenende im Schweizer „Magazin“, einer Beilage mehrerer Tageszeitungen, hat sich in kurzer Zeit eine monströse Sammlung von Sekundärliteratur zu dem Stück entwickelt. Natürlich war die Online-Veröffentlichung der Trigger: Viral ist gar kein Ausdruck, „Bombe“ schlug ein wie selbige und verbreitete sich gleich einer Blitz-Epidemie.

Falls Sie es noch nicht kennen: In dem Stück geht es darum, wie Big Data die Trump-Kampagne zum Wahlsieg geführt hat. Im Zentrum steht der Psychologe Michal Kosinski, der ein spezielles Targeting-Verfahren für Facebook-Profile entwickelt hat. Zu seinem Entsetzen muss er mit ansehen, wie Trumps Team und auch die Brexit-Befürworter sein Verfahren nutzen, um Wähler gezielt in ihrer Richtung zu lenken. Das Stück ist spannend wie ein Krimi und holt anhand konkreter Fälle das Thema Big Data aus dem Reich des Abstrakten.

Viele Menschen zeigten sich beeindruckt von der „Bombe“ und zugleich schockiert, wie so etwas möglich sein kann. So weit zum ersten Teil der Geschichte.

Seit den Hitler-Tagebüchern ist selten eine Geschichte selbst dermaßen zur Geschichte geworden

Der zweite Teil dreht sich rund um das Thema Neid. Der enorme Erfolg des Stücks rief mit einigen Tagen Verspätung die Ungläubigen auf den Plan. Der Text wurde im Laufe der Woche geradezu seziert, auf mögliche Fehler geprüft, auf Unwahrscheinlichkeiten. Seit den Hitler-Tagebüchern ist selten eine Geschichte selbst dermaßen zur Geschichte geworden. Erster Reflex: „Ist doch nichts Neues.“ Da stand der Text in guter Gesellschaft zum zweiten Scoop des Wochenendes, den „Football Leaks“ vom SPIEGEL, die hinter der „Bombe“ trotz großer Inszenierung völlig verblassten. Auch hier hieß es vorschnell: „So, what… “

Klassisches journalistisches Neid-Vokabular. Aber bei der „Bombe“ auch nicht ganz von der Hand zu weisen, denn Micro Targeting ist im Marketing schon lange ein heißes Buzzword. Nur haben die Autoren Mikael Krogerus und Hannes Grassegger gar nicht behauptet, dass Big Data ein Phänomen des Trump-Wahlkamps wäre.

„Big Data allein entscheidet keine Wahl“

Den zweiten Vorwurf formulierte Zeit Online stellvertretend für viele andere deutsche Medien: „Big Data allein entscheidet keine Wahl“ Die Story wird jetzt nicht nur als veraltet gebrandmarkt, sondern auch als überzogen. Das Phänomen Trump nur mit Daten zu erklären… Also wirklich…

Nur haben die Krogerus/Grassegger auch dies anders dargestellt als von Neidern behauptet. So heißt es im letzten Satz des Online-Vorspanns: „Und verhalf Trump so MIT zum Sieg“. Krogerius und Grassegger betrachten Konsinkis Verfahren als eine wichtige Waffe auf dem Weg ins Weiße Haus – aber nicht als alleinigen Trigger. Natürlich kann Big Data aus einem linksliberalen Demokraten aus Rhode Island keinen Trump-Wähler machen, der eine Mauer zu Mexiko gut heißt.  

Den Kritikern sei empfohlen, ihre Kraft auf das Schreiben ähnlich aufwühlender Stücke zu lenken anstatt Zeile für Zeile von Kollegen auseinander zu nehmen. Immerhin zeigt die „Bombe“, wie Journalismus immer noch Massen begeistern kann – ohne übrigens „linke Verschwörungstheorien“ aufzustellen, sondern eher ein ganz natürliches Unbehagen über die Macht der Daten aufzugreifen.

Doch da liegt auch der Kardinalfehler des Stücks: Es entsteht der Eindruck, als müsse Targeting zwangsläufig ein Werkzeug des Bösen sein, als würde es nur Populisten an die Macht und Großbritannien aus der EU spülen. Das ist natürlich Unsinn, denn durch die riesigen Datenschätze lassen sich Wähler und Konsumenten für alle Gruppen und auch Unternehmen targeten. Sie müssen nur entsprechenden Wert auf derart datenbasierte Kampagnen legen. Hillary Clinton hat das offenkundig nicht ausreichend getan.  

Und es gibt positive Auswirkungen: Marken haben es einfacher, potenzielle Käufer zur richtigen Zeit, in der richtigen Situation mit der richtigen Ansprache zu erreichen, Konsumenten werden von überflüssiger, vollkommen deplatzierter Werbung befreit. So böse, wie die Schweizer es beschreiben, ist das Mirco Targeting eben nicht. Doch an diesem Punkt kritteln die Kritiker zielstrebig vorbei.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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