Der Breitscheidplatz und das Ende des Journalismus

22.12.2016

Wie sollten Medien nach Ereignissen wie dem Berliner Terroranschlag berichten?

Der Truck war kaum zum Stehen gekommen, da drehten die sozialen Netzwerker mal wieder durch. Der eigentliche Anschlag rückte für viele in den Hintergrund, Wut und Entsetzen griffen vom Terror auf die Medien über. Es bedarf nur eines harmlosen „vermutlich“ oder eines beiläufigen „offenbar“ – und die Beißreflexe selbsternannter Medienkritiker oder ihre Branche geißelnder Journalisten setzen ein. „Hetze“, „sensationslüstern“ und „Panikmache“ schreien und schreiben sie dann.

#Breitscheidplatz: Kritiker verfahren mithin so unseriös, wie sie es den Medien vorwerfen

Mittlerweile ist bei jedem Terrorakt zu beobachten, wie Medien binnen Minuten ins Auge des Shitstorms gefegt werden. Mal ist ein Fotograf oder Kameramann angeblich pietätlos, mal werden vermeintlich halbgare Fakten verbreitet. Dabei werden dann von den Kritikern selbst auch gerne mal falsche Fakten verbreitet, wie in dem Tweet unten (es handelte sich übrigens nicht um einen BILD-, sondern einen Berliner-Morgenpost-Reporter). Applaudiert wird dennoch, dabei verfahren die Beobachter selbst mithin so unseriös, wie sie es Medien vorwerfen.

Wie berichte ich über einen Vorfall, über den in den ersten Stunden nur sehr wenig bekannt ist, wie es bei Anschlägen in der Regel der Fall ist? Nur offizielle Mitteilungen verbreiten und auf visuelle Dokumentation komplett verzichten? Das käme einer Aufforderung an Journalisten gleich, die Arbeit niederzulegen. Es würde ein Laufband reichen, und der „Tatort“ geht weiter. Aber will das eine Gesellschaft ernsthaft wirklich bei einem so bedeutsamen Geschehen wie dem ersten größeren islamistischen Anschlag auf deutschem Boden?

Journalisten recherchieren, und natürlich recherchieren sie besonders intensiv, wenn ein Lkw in einen zentralen Berliner Weihnachtsmarkt kracht und dabei zwölf Menschen tötet. Und wenn sie recherchieren, ermitteln sie relevante Informationen, die möglicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Genau das ist Journalismus. Er muss abwägen, inwieweit das die öffentliche Ordnung gefährdet. Doch es war nicht davon auszugehen, dass die sehr früh getätigte, aber eben nicht offizielle Aussage von Polizisten, man vermute einen Anschlag, eine Massenpanik heraufbeschwören würde.

Vor der Verurteilung des bis dahin „mutmaßlichen“ Täters keine Berichterstattung?

Tat sie dann auch nicht. Ohnehin gerät unsere Gesellschaft, das zeigt der Berliner Anschlag, nicht so schnell aus der Ruhe, wie manch einer der sich überaus verantwortungsvoll gebenden Medienkritiker fürchtet. Terror-Vermutungen verursachen keine Panik, weil sie kaum überraschen, wenn ein Lkw in einen Weihnachtsmarkt kracht.  

Kritiker zeterten über die ersten Zitate aus Polizeikreisen und verwiesen auf die Twitter-Seite der Polizei, wo nichts dergleichen stand, forderten letztlich Verlautbarungs-Journalismus. Vermutungen seien unangebracht und nicht viel mehr als Spekulation. Typisch Medien. Dabei gibt es absolute Gewissheit ja erst bei der Verurteilung des bis dahin „mutmaßlichen“ Täters. Vorher also keine Berichterstattung?

Würde der Journalismus die Wünsche nach Zurückhaltung befolgen, machte er sich überflüssig

Was hinter diesem fragwürdigen Journalismus-Verständnis steckt, ist letztlich Hoffnung. Hoffnung, dass es diesmal eben kein Terror ist, dass die Rechtsausleger, die bereits Minuten nach dem Unglück von „Merkels Toten“ twittern, in ihrer Vorverurteilung nicht Recht behalten. An dieser Hoffnung wollen viele Menschen – wer kann es ihnen verübeln – so lange wie möglich festhalten, sich den letzten Funken nicht zerstören lassen. Wo Journalisten dies mit frühen – am Ende leider sich bewahrheiteten – Informationen über Terror-Vermutungen tun, werden sie selbst zum Gegner, nach dem Motto: „Shoot the Messenger.“

Es besteht in diesen an vielen Orten schrecklichen und vor allem aufgeregten Zeiten ganz offenbar bei vielen Menschen der Wunsch, dass Websites, Zeitungen, TV-Sender den Ball flach halten und extrem zurückhaltend berichten, lieber langweilen sollen als aufwühlen. Bloß keine verstörenden Bilder (hier wird mittlerweile häufig das Argument verwendet, man transportiere ja dann nur die böse Botschaft der Terroristen, zuletzt erlebt bei dem Anschlag auf den russischen Botschafter in Ankara). Würde der Journalismus, würden Reporter diese Wünsche befolgen, machten sie sich überflüssig. Es wäre der Tod des Journalismus.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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