Crash-Kurs gegen Trump

07.10.2016

Über die wenig objektive Medienberichterstattung zur US-Präsidentschaftswahl.

Das in angelsächsischen Ländern beliebte redaktionelle Format der Wahlempfehlung war noch nie so überflüssig wie im aktuellen Ringen um die US-Präsidentschaft. Beinahe aus jeder Zeile spricht bei den Polit-Berichterstattern der New York Times oder Washington Post seit Monaten die Abneigung gegen Donald Trump. Da bedurfte es eigentlich keiner offiziellen Empfehlung mehr, um klar zu machen, wer aus Sicht der Redaktion Präsident werden solle – oder besser gesagt: wer nicht. Den Rat gab es trotzdem, erstmals gab sogar die größte US-Zeitung USA Today eine Empfehlung ab – bezeichnenderweise nicht pro-Clinton, sondern nur contra-Tump.  

Die Berichterstattung ist das Gegenteil von objektiv. Selbst beim TV-Duell der Running Mates, bei dem die US-Medien mehr oder weniger einhellig Republikaner Mike Pence gegenüber Demokrat Tim Kaine im Vorteil sahen, nachdem sein Meister gegen Hillary Clinton ein Debakel erlitten hatte, sah die Washington Post zwar Pence als Gewinner, aber auch Trump als Verlierer. Dass ein extremistisch denkender und handelnder Mensch wie Trump der Hauptstadt-Zeitung die Akkreditierung für seine Veranstaltungen entzieht, wie im Juni geschehen, mag für uns skandalös erscheinen, folgt aber einer inneren Logik: Wer eine Mauer zu Mexiko bauen will, toleriert keine Zeitung, die alles tut, um ihn zu verhindern.

Die eindeutige Parteinahme der amerikanischen Qualitätspresse führt zu einer Verhärtung der Fronten. Es werden kaum Versuche unternommen, dem Phänomen Trump auf den Grund zu gehen, seine Anhänger zu verstehen. Diese werden in erster Linie als „White Trash“ kategorisiert, als „Angry White Men“. Genau jene Kaste, die eigentlich schon erledigt schien, so jedenfalls die einschlägigen Aussagen nach den Wahlsiegen Barack Obamas, soll jetzt also quasi alleinverantwortlich für Trumps unheimlichen Erfolg sein. Es muss schon mehr dahinter stecken. Es ist seit Monaten der Eindruck entstanden, die US-Medien machten es sich etwas einfach.

Der Facebook-Algorithmus macht Objektivität nahezu unmöglich

Und so nutzen die etablierten Tageszeitungen oder Sender dem republikanischen Großmaul mehr, als sie ihm schaden. Sie werden von seinen Anhängern als Teil des Establishments gesehen, gegen das Trump rebelliert, und ihre Abneigung wird ihm positiv angerechnet. Informationen holen sich viele Amerikaner sowieso zuerst oder gar exklusiv auf Facebook. Und dessen Algorithmus sorgt dafür, dass die meisten in erster Linie in ihrer Meinung bestätigt werden, weil sie die Inhalte angezeigt bekommen, die Aussagen, auf die sie stehen. Für Trump-Anhänger heißt das vor allem, sich in den verschwörerischen Thesen der rechts-populistischen Newssite Breitbart zu suhlen, für die CNN die Abkürzung von „Clinton News Network“ ist.

Ein Präsident Trump wäre in vielerlei Hinsicht verheerend. Für weite Teile der amerikanischen Medien käme sein Triumph einem Frontal-Crash gleich. Es wäre der Beleg dafür, dass CNN, Washington oder New York Post als Meinungsmacher endgültig ausgedient hätten und dass man im TV-Duell peinlich auftreten kann, ohne irgendeinen Schaden zu nehmen. Richard Nixon würde in Rage an sein Grab hämmern.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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