Deutschlands Medien: Ein Fall für Krisen-PR?

21.10.2016

Unser Chefredakteur Dirk Benninghoff über das Imageproblem deutscher Medien.

Übler Punch in die Magenkuhle der Medien: Die Branche genießt bei den Deutschen so wenig Vertrauen wie sonst nur Banken und Versicherungen. Das hat die GfK ermittelt und belegt damit, dass die viel zitierte „Lügenpresse“ (die äußerst unangenehme und zweifelhafte Konnotation einmal außen vorgelassen) nicht nur ein Thema für Pegida-Aktivisten und AfD-Wähler ist, sondern der Grundgedanke des Medienmisstrauens weite Bevölkerungsteile ergriffen hat.

So müssen Medienschaffende mit ansehen, wie die Hersteller von Unterhaltungselektronik den Spitzenplatz im Vertrauens-Ranking der Bürger einnehmen. Also genau jene, die gerade mit brennenden Smartphones aufwarten, deren Inhaber noch nicht mal mehr in Flugzeuge gelassen werden. Samsung und Co. kommen dennoch auf 74 Prozent Vertrauen, die Branche „Information und Medien“ gerade einmal auf 50 Prozent. Sprich: Jeder Zweite misstraut Medien. Grob gerechnet etwa viermal so viel, wie es AfD-Wähler gibt.

Fluggesellschaften und VW genießen bei den Deutschen höheres Vertrauen als die Medien

Fluggesellschaften bleiben vom Sinkflug Air Berlins und von der Eurowings-Katastrophe unbeeinflusst und kommen ebenfalls auf 74 Prozent. Energiekonzerne – seit jeher nicht unbedingt Sympathieträger des Volkes – vertrauen immerhin 61 Prozent. VW-Skandal? Ist den Deutschen völlig wurscht. 70 Prozent vertrauen unseren Autobauern. Nicht mal bei Journalisten kommt die Medienbranche auf so hohe Werte.

Der Medien zugewandte Beobachter kommt nicht umhin sich zu fragen, was Sender, Magazine, Zeitungen und Websites denn verbrochen haben, dass ihre Beliebtheitswerte in der Nähe der Finanzindustrie dümpeln, die vor ein paar Jahren kurz davor stand, die ganze Welt ins Elend zu stürzen. Und oberflächlich betrachtet ist das Ergebnis in der Tat ungerecht. Haben wir nicht das vielfältigste TV-Angebot der Welt, mit unterhaltendem Privaten und seriösem Öffentlich-Rechtlichem? Einen immer noch großen Zeitungsmarkt, in dem ein breites Spektrum von Meinungen Niederschlag findet? Websites für jede Couleur – von hoch-seriös wie ZEIT Online bis zur LOL-Knall-WTF-Katzen-Plattform Buzzfeed.de? Gibt es nicht für jedes Interesse ein professionell gemachtes Magazin? Ja, alles richtig. Und einen Skandal wie brennende Telefone, manipulierte Abgastests oder gar eine Finanzkrise haben unsere Medien auch länger nicht produziert. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem „Totschweigen“ der Kölner Silvesternacht.

Doch während sich die Bevölkerung wohl kaum zutraut, ein Flugzeug zu steuern, ihre Nachbarn mit Energie zu versorgen oder ein Smartphone zu bauen, sehen sich in Zeiten von Social Media und Blogs viele selbst als berufene Schreiber, die Dinge wesentlich nüchterner und treffender kommentieren als die von Mainstream, Establishment, linkem Zeitgeist oder whatever beeinflussten Journalisten. Von daher greift der Trump-Effekt auch in Deutschland.

Auf Facebook bekommen Journalisten die Abneigung direkt und erbarmungslos zu spüren

Und so ist das Ergebnis auch ein – möglicher – Beleg für den wachsenden Hass im Land, wie ihn auch die Publizistin Carolin Emcke beklagt, die am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. So ist der Vertrauensentzug für Medien durch die Hälfte der Bevölkerung in weiten Teilen auch eine Art „Hatespeech“. In ihren Kommentarfunktionen und auf Facebook bekommen Journalisten die durch die GfK-Umfrage mittelbar formulierte Abneigung direkt und erbarmungslos zu spüren.

Die Umfrage ist auch ein Beleg dafür, dass die Leute – im Gegensatz zur gängigen Berufsauffassung von Journalisten – die Welt weder erklärt noch eingeordnet haben wollen. Genau dieses „Gatekeeper“-Dünkel sorgt bei vielen Lesern für Ausschlag. Die Menschen trauen sich zu (maßen sich an?) ihre eigene Meinung bilden zu können, ihr eigenes Weltbild zu verfassen.

Bislang hat sich die Branche um ihre Außendarstellung beim Kunden nicht groß geschert. Der Vorwurf der „Lügenpresse“ wurde als rechte Spinnerei abgetan. Das Ergebnis zeigt, dass die Medien umdenken müssen. Die Branche braucht dringend eine breit angelegte Kampagne in eigener Sache.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog