Ein Plädoyer für 8-Sekunden-Journalismus

02.12.2016

Dirk Benninghoff hat einen Lösungsvorschlag für fehlende Mediensozialisation.

Gut drei Wochen sind seit der US-Wahl und dem angeblichen Versagen der Medien vergangen, aber die Litanei über den Zustand der Branche reißt nicht ab. Neuestes Highlight im quirligen Wettbewerb absurder Beiträge und Diskussionen: Die Show von Sandra Maischberger am Mittwoch. Sie ließ bei der Debatte über „Vorwurf Lügenpresse: Kann man den Medien noch trauen?“ aktive Journalisten einfach mal außen vor. Veteran Ulrich Wickert (71) durfte neben einem Professor die Branche verteidigen, obwohl selbst im Winter seiner TV-Karriere der unsägliche L-Begriff noch nicht mal die Runde gemacht hatte.

Wer einen klaren Geist besitzt, hatte dann gleich mal weitergeschaltet und sah sich durch die Onlinekritiken am nächsten Morgen bestätigt. Immerhin wies der Medienprofessor korrekterweise daraufhin, dass dem Berufsstand des Journalisten aus der Bevölkerung noch nie sonderlich viel Vertrauen entgegen gebracht wurde. Immerhin 60 Prozent misstrauen unseren Medien, dieser Wert sei seit Jahren stabil. All jene, die der infamen AfD-Pegida-Trump-Kampagne aufsitzen, dass sich Medien ihre eigene Welt schnitzten und immer mehr von den Leuten entfernten, sollten sich dies Tatsache hin und wieder mal vergegenwärtigen.

Die Mediensozialisation in den USA versagt

Einen anderen Fakt veröffentlichte diese Woche die renommierte Stanford University: Viele US-Schüler und sogar -Studenten können nicht mehr zwischen Werbung und redaktionellen Beiträgen unterscheiden. Was sich auf den ersten Blick wie ein feuchter Traum eines jeden Native-Advertising-Fachmanns liest, offenbart nach kurzem Nachdenken ein gewaltiges kulturelles Problem. Die vierte Gewalt, die Medien, werden in ihrem eigentlichen Auftrag der neutralen, objektiven Berichterstattung von der nachwachsenden Lesergeneration nicht mehr richtig wahrgenommen. Ihr ist es schlichtweg wurscht, ob kritisch berichtet wird. Die Mediensozialisation versagt, zumindest in den USA.

Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen mittlerweile um eine Sekunde unter der des Goldfischs liegt, dem natürlichen Paradebeispiel für ständige Abgelenktheit und mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest befragte 1200 Jugendliche zu ihrem Medienverhalten und ist alarmiert: Das Dauerfeuer auf WhatsApp und anderen Plattformen führt vermehrt zu Stress, sozialen Defiziten und Extrem-Multitasking. Doch wie sollen Medien jetzt reagieren, um sich nicht wieder den Entfremdungs-Vorwürfen aussetzen zu müssen? Die Antwort ist simpel: mehr 8-Sekunden-Beiträge bringen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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