In die Hölle geschrieben

04.11.2016

Dirk Benninghoff über die einseitigen deutschen Medienberichte zur US-Wahl.

Vor wenigen Wochen habe ich an dieser Stelle Deutschlands Medien zu einer umfassenden PR-Kampagne geraten. Diesmal – ganz uneigennützig versteht sich – soll der gleiche Rat Amerika zuteil werden. Das Land hat es noch nötiger. Und das hat mehr mit dem ersten PR-Patienten zu tun als mit Donald Trump.

Am Ende: stern über Amerika

In pflichtschuldiger Vorbereitung des epochalen Wahltags überfallen Deutschlands Medien seit einigen Tagen die USA, reisen kreuz und quer durchs Land, um „das wahre Amerika“ heimzusuchen. Markus Lanz versuchte sich als Reporter, um „Amerika ungeschminkt“ zu zeigen, der stern bereiste „ein verlorenes Land“, und die Wirtschaftswoche widmete dem „Land der begrenzten Möglichkeiten“ gleich ein ganzes „Themenheft“. Und, und, und.

Vielseitigkeit gibt es bei Deutschlands Medien nur in Sachen Cover-Gestaltung

Der Leser erfährt eigentlich aber schon seit Wochen nichts Neues mehr. Denn in Sachen US-Berichterstattung ist Deutschlands Presse nur in der Cover-Gestaltung vielseitig. Das eintönige und öde Lamento prägnant zusammengefasst:  

  • Amerika ist zerüttet und so tief gespalten wie nie zuvor.
  • Die Küstenstaaten haben mit dem wahren Amerika nichts, aber auch gar nichts zu tun.
  • Das wahre Amerika geht mit der ganzen Familie Tiere jagen, um sich zu ernähren, weil es sonst verhungern würde.
  • Dieses wahre Amerika besteht aus einer Armee von Losern, die Trump wählen wird.
  • Mittlerweile wählen aber nicht nur Loser Trump, sondern alle, die das Establishment in Washington los werden wollen.
  • Hillary ist unbeliebt und evil.
  • Gäbe es nur einen besseren Gegenkandidaten, hätte Trump keine Chance.
  • Kurzum: Amerika ist am Ende.

Die Liste ließe sich beliebig ergänzen. Ich möchte nicht behaupten, dass die Punkte alle falsch sind, aber in ihrer Lust am amerikanischen Untergang schaukeln sich Deutschlands Meinungsmacher gegenseitig zum Höhepunkt. Da kommen Trump und Clinton als Reiter der Apokalypse gerade Recht. Bieten beide doch Anlass, tief schlummernde Vorbehalte endlich offen auszuleben. Was weithin missachtet wird:  

  • Durch das Silicon Valley prägt uns Amerika mehr denn je und gestaltet die Zukunft der Menschheit mehr als jemals in der Geschichte.
  • Die Arbeitslosigkeit ist extrem niedrig, die Reallöhne (Löhne abzüglich Inflation) steigen endlich wieder, die Konjunktur wächst nicht üppig, aber stetig.
  • Sowohl bei Homo-Ehe als auch bei Legalisierung weicher Drogen ist das ach so reaktionäre, konservative Amerika weiter als Deutschland.
  • In Sachen Diversity, also gesellschaftlicher Vielfalt, kann Europa den USA allen dortigen Problemen zum Trotz nicht annähernd das Wasser reichen. Der Begriff, inzwischen Leitmotiv modernen Personalmanagements auf der ganzen Welt, wurde in den USA überhaupt erst entwickelt.

Ist das typisch für eine Nation, deren „wahrer“ Kern aus weißen Hillbillies besteht, die in kaum enden wollenden Maisfeldern Inzucht betreiben? Die deutschen Medien haben sich gleich mehrere Ansichten (oder vermeintliche Ansichten…) von Donald Trump, den sie doch so sehr verachten, zu eigen gemacht: Dazu zählt neben dem immer wieder betonten Zustand der gesellschaftlichen Zerrissenheit vor allem die Ansicht, dass die aufgeklärten Küstenstaaten nicht typisch für die USA seien. Auch Trump meint ja, das „wahre Amerika“ sei in den weiten Ebenen des Mittleren Westens oder des Bible Belt zu Hause. Wieso eigentlich nicht in Kalifornien, wo so viele Amerikaner leben wie in keinem anderen Bundesstaat? Wieso nicht in den Küstenstaaten, in denen mehr als die Hälfte der 318 Mio. Einwohner wohnen?

Apokalyptische Berichterstattung folgt auf kritikloses Hofieren

So kritiklos wie Deutschlands Magazine, Sender, Zeitungen, Websites 2008 den Newcomer Barack Obama bejubelt und hofiert haben, so apokalyptisch ist die Berichterstattung acht Jahre später (woran die Kandidaten, das soll nicht verschwiegen werden, kräftig mitgearbeitet haben). Die Wirtschaftswoche macht in Washington gar ein „zweites Verdun“ aus, einen Stellungskrieg also. Im Wettkampf um dramatische Metaphern gebührt ihr damit der erste Platz.

Doch der lustvoll skizzierte Untergang wird genauso wenig Realität werden wie viele Vorstellungen des vermeintlichen Weltenerneuerers Barack Obama. Mit seinem Wahlsieg sollte ja die Vorherrschaft des weißen Mannes in Amerika damals ein für allemal beendet worden sein. So war es jedenfalls allerorten zu lesen. Doch der Fall Trump zeigt exemplarisch, dass unsere Prognosen über die USA meist daneben liegen. Möge es diesmal genauso sein. Und nach der Wahl, Amerika, können wir uns dann ja an die PR-Strategie machen.

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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