Der Medienmensch des Jahres ist...

29.12.2016

Dirk Benninghoff über einen im Jahr 2016 ungewöhnlichen Medienunternehmer.

Als Jeff Bezos, einer der reichsten Menschen der Erde, seinem Universum 2013 die Washington Post hinzufügte, war das nicht nach jedermanns Geschmack. Die Zeit spiegelte mit der Headline „Bezos neues Spielzeug“ die gängige Meinung wider: Ein steinreicher Morgen-Macher wird zum Philanthropen, indem er aus Lust, Laune und der Freude an der guten Tat ein Gestern-Medium am Leben erhält. Bill Gates steckt sein Geld in den Kampf gegen Krankheiten, Bezos beatmet halt die Zeitungsbranche.

Gut drei Jahre später: Die Washington Post will im neuen Jahr 60 neue Leute in ihrem Newsroom einstellen. 60! Journalisten! Und warum? CEO Fred Ryan hat eine ganz simple Begründung: „Wir investieren dort, wo wir 2016 erfolgreich waren.“ Ein Medienhaus investiert in Journalisten, weil die erfolgreich sind. Eine der spektakulärsten News 2016.

Die Zahlen zum Zitat: Die Hauptstadtzeitung hat die Zahl der neuen Abonnenten in diesem Jahr um 75 Prozent gesteigert, der Umsatz aus digitalen Abos hat sich gar verdoppelt. Sicher auch ein Trump-Effekt: So hart die publizistische Niederlage für die Post, einem erbitterten Gegner des neuen Präsidenten, so positiv der Effekt. Der Bedarf nach News wie nach Analyse wird im neuen Jahr weiter steigen, wenn Trump am 20. Januar US-Präsident wird. Das wird auch die Zahlen für die Post treiben – und sie baut dafür vor.

Was macht Jeff Bezos bei der Washington Post richtig?

Dank Bezos kann sie es sich leisten. Der Amazon-Boss führt nicht nur seine Zeitung zu neuer Blüte, er kann der gesamten Branche als Vorbild dienen. Denn es gibt viele Dinge, die sich Medienmacher von der Washington Post abschauen können:

  • Seid aggressiv: Bezos macht es wie bei Amazon. Er investiert ohne Rücksicht auf Verluste, um auf kritische Masse zu kommen. In den vergangenen zwei Jahren steckte Bezos angeblich rund 50 Mio. in die Zeitung, die er für 250 Mio. erwarb. Abos gibt es zu Dumpingpreisen, Hauptsache Masse. Denn je mehr Abos, desto mehr Daten, desto mehr Monetarisierungs-Möglichkeiten.

  • Denkt technologisch: Im Newsroom der Post sind Techies eine wachsende Spezies. Software-Entwickler halten Einzug, ebenso Digital Designer und Mobile-Entwickler. 80 Tech-Spezialisten sitzen im Newsroom, entwickeln auch Produkte, die anderen Medienhäusern offenstehen, wie die Publishing-Plattform „Arc“. Damit will die Post verstärkt Geld verdienen. Redakteure nutzen Systeme wie „Bandito“, das Stories mit bis zu fünf unterschiedlichen Schlagzeilen, Vorspännen oder Teaser-Fotos veröffentlicht. Unterschied zum üblichen A/B-Testing, das auch hierzulande eingesetzt wird: „Bandito“ wählt automatisch die Headline, Vorspann oder Teaserfoto aus, die bei den Lesern am besten laufen. Das Tool ist so spektakulär, dass sogar die Konkurrenz des Wall Street Journal darüber berichtete.

  • Seid präsent: Die Washington Post lässt ihren Lesern keine Ruhe, die Website ist nur noch eine Plattform unter vielen. So können die Leser unter satten 62 Newslettern auswählen. Jeder wird bedient: Es gibt einen für Eltern, für Gläubige, für Tierfreunde und natürlich unzählige, die sich mit Kernthemen aus Politik oder Wirtschaft beschäftigen.

  • Seid innovativ: Die vielen Techies führen zwangsweise zu neuen digitalen Entwicklungen wie dem Fact-Checking-Tool, das Trump-Tweets auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Für 2017 ein Must-have für jeden politische Interessierten.

  • Denkt an den Kunden: Hat so ähnlich schon Focus-Markwort gesagt, meint in diesem Fall aber: volle Konzentration auf Abos als Umsatztreiber statt auf Werbung. In Zeiten von Ad-Blockern und einem Werbe-Oligopol aus Facebook und Google wird digital nicht mehr viel für Medien übrig bleiben. Wer wüsste das besser als Bezos? Er treibt daher die Unabhängigkeit von Werbung voran – und ist damit in bester Gesellschaft. So hat sich beim großen Rivalen New York Times der Umsatzanteil der Werbung seit 2005 von 68 auf 37 Prozent reduziert.

Eine Entwicklung wie bei der Washington Post bei einem deutschen Medium? Schwer vorstellbar

Die Washington Post 2016: ein wachsendes, innovatives IT-Unternehmen. Und das Beste: Es trifft nicht zu, was Kulturskeptiker regelmäßig absondern, nämlich, dass der Fokus auf technische Optimierung und digitale Distribution zulasten journalistischer Qualität gehe. Die ist bei Bezos „Spielzeug“ im Steigen begriffen, was diverse Scoops aus der Phase des US-Wahlkampfs belegen. Politico sieht die Washington Post gar wieder auf dem Weg zu der Stellung, die sie nach der Aufdeckung des Watergate-Skandals Anfang der 70er innehatte.

Investments im Stile Bezos’ wünscht man sich auch für deutsche Medienhäuser. Terror, Bundestagswahl, Flüchtlingsdebatte – große Themen gibt es für 2017 genug im Land, da bedarf es keines Trumps. Doch eines Milliardärs, der kein Wohltäter sein will, sondern Zeitungsunternehmer, und nicht nur Geld, sondern auch viel Tech-Know-How mitbringt. Und da wird es bei hierzulande dann doch etwas eng…

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




Mehr aus dem Blog