Bringen Sie uns in den Messenger!

26.08.2016

Unser Chefredakteur Dirk Benninghoff nimmt die Medienwelt unter die Lupe.

Klare Ansage vom Kunden: „Medien-Resonanz interessiert uns eigentlich nicht mehr, wir beobachten das kaum noch. Social Media ist uns jetzt wichtiger.” Diese Verschiebung der Relevanz ist kein Einzelfall, sondern zahlt ein in eine der wichtigsten Diskussionen in unserer Branche: Wie sehr brauchen wir Medien noch für die Übermittlung von Botschaften? Können Unternehmen oder Organisationen ihre Zielgruppe nicht besser über eigene Kanäle erreichen?

Gleich mehrere Meldungen der Woche geben der Debatte neues Feuer.

Zum einen beerdigte die „New York Times“, weltweit noch immer Maß aller Dinge im digitalen Publishing, ihre auf jüngere Leser zugeschnittene App „NYT Now“. Die wurde trotz Änderungen an der Preisstruktur nie wirklich angenommen, während die auf ältere Leser zugeschnittenen Produkte sehr erfolgreich sind.

Zum anderen veröffentlichte die Beratungsagentur OC&C alarmierende Zahlen vom britischen Medienmarkt. Den Werbeumsätze würden sich in der nahen Zukunft erosionsartig von den Verlagen hin zu Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Snapchat verschieben. In zehn Jahren wanderten rund 450 Mio. Pfund an Werbe-Einnahmen von den Verlagen zu Social Media. Und der Trend beschleunige sich jedes Jahr.

Social News Media: News direkt via Facebook

Was diese News gemein haben? Beiden liegt der gleiche Trend zugrunde: Die junge Zielgruppe (und dabei geht es nicht nur um 20-Jährige) steuert immer seltener News-Sites oder Apps (geschweige denn Kioske) mehr an, sondern holt sich ihre News via Facebook. Und wer die dort anbietet, ist ihr herzlich egal. Laut OC&C bezeichnen 41 Prozent der britischen Leser unter 34 Jahren soziale Medien als ihre Haupt-Newsquelle. Bei den über 55-Jährigen haben dagegen zwei Drittel dafür eine Zeitung, Newssite oder TV-Sender ihres Vertrauens.

Schlussfolgerung für die Autoren der Studie: „Diese starke Differenz zwischen den Generationen legt nahe, dass in naher Zukunft soziale Netzwerke die klassischen Medien als Schlüsselstelle zwischen Inhalten und Publikum ablösen werden.“

Zu einem ähnlichen Fazit kam kürzlich der globale Digital-Report von Reuters. In jeder untersuchten Gruppe unter 45 Jahren waren dort Online-News wichtiger als TV. Bei den 18- bis 24-Jährigen lag Social Media als primäre Nachrichtenquelle erstmals vor TV, Print spielte überhaupt keine Rolle. Noch alarmierender für Journalisten: 36 Prozent der Befragten gaben an, Algorithmen bei der News-Auswahl zu bevorzugen, nur 30 Prozent vertrauen am liebsten der Auswahl durch Redakteure. Je jünger die Befragten, desto beliebter der Algorithmus. Spannend dürfte nun die Frage werden, ob die Algorithmen beziehungsweise Roboter die News auch gleich schreiben sollten – statt Journalisten.

Den Trend zu „Social News Media“ hat auch YouTube erkannt und will künftig mehr anbieten als Videos. Der neue Dienst “Backstage” setzt auch auf Texte, Bilder, Votings. Ein weiterer Versuch von Google in dem Mega-Markt mitzumischen, nachdem Google+ nie aus einer Nischenposition herausgekommen ist.

Der Handlungsbedarf von „Old Media“ ist offenkundig. Die Verlage liefern Facebook erstklassigen Content – zum Dank grast der Partner den Werbemarkt ab. Eigene Social-Media-Netzwerke werden sie kaum aufziehen können, daher steht die Frage aller Fragen weiter im Raum: Was tun mit den jungen Leuten?  

Chat-Bots, Messenger und Häppchen-Journalismus

Einige von denen haben eine Antwort: „Conversational Journalism“. Die App „Resi News“ beispielsweise, entwickelt von Jung-Journalisten, kommuniziert via Chat-Bot. Kurznachrichtendienste sind seit WhatsApp ein heißes Ding und so gibt es „Häppchen-Journalismus“ im Messenger-Gespräch statt langer News. Die etablierten Anbieter versuchen sich an News-Gesprächen bislang eher schlecht als recht auf dem Facebook Messenger. Für die deutschen Gründer stand offenbar die erfolgreiche US-App Quartz Pate.

Da „Conversational News“ sich wie keine andere Ausprägung von Journalismus an das Verhalten der User anpasst (anbiedert?), ist der neue Trend vielversprechend. Setzt er sich durch, müssten Inhalte und Texte auch von PR-Seite völlig neu gedacht werden – eine Umwälzung von viel größerer Dimension als die Umstellung von Print- auf Online-Texte.

Vorschau aufs Kunden-Telefonat 2020: „Social Media interessiert uns eigentlich gar nicht mehr. Bringen Sie uns in den Messenger.“

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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