#StopFundingHate: Hass-Zensur im Königreich

18.11.2016

Dürfen Anzeigenkunden Medien zensieren? Dirk Benninghoff sucht nach Antworten.

Und jetzt: Reklame. Während sich Deutschland in weihnachtlichem Pathos à la #Zeitschenken einkuschelt, tobt im Vereinigten Königreich ein Werbekrieg, der das Verhältnis von Medien und Werbetreibenden neu definieren könnte. Im Mittelpunkt steht mal wieder: Hass.

#StopFundingHate nennt sich eine Kampagne, die nicht nur britische Marketer aufwühlt. Initiiert von dem Autoren Richard Wilson attackiert sie die britischen Tabloids wie Sun und Daily Mail, speziell deren migranten- und flüchtlingslingsfeindliche Schlagzeilen (das „angebliche“ habe ich dabei bewusst weggelassen).

Der Aufruf: Marken oder Händler sollten in Medien, die den Begriff der christlichen Nächstenliebe mit Füßen treten, keine Kampagne zum Fest der Liebe schalten. Die Logik: Ausgerechnet mit Weihnachtsumsätzen Hater zu finanzieren – geht gar nicht.

30.000 Briten unterzeichneten die Petition zu #StopFundingHate

Bislang haben Britanniens Boulevardmedien noch jeden Ansturm überlebt, und auch dieser wird sie nicht ernsthaft beschädigen – aber zumindest gewaltig ärgern. Binnen kurzer Zeit unterzeichneten 30.000 Briten eine Petition, die Facebook-Seite kommt auf fast 200.000 Likes. Fußballidol und BBC-Moderator Gary Lineker will auf die Chipsmarke Walker, für die er früher Werbung machte, einwirken, keine Anzeigen in den Tabloids mehr zu schalten. Prominente wie Komiker Russell Brand schlossen sich an. Größter Coup für #StopFundingHate aber: Lego verkündete Ende vergangener Woche, auf absehbare Zeit nicht mehr in den Tabloids zu inserieren.

Die eigentlichen Adressaten, die großen britischen Einzelhändler, zieren sich dagegen. Die Lebensmittelkette John Lewis ließ erkennen, man hege zwar gewisse Sympathien für die Kampagne, betonte aber auch: „Wir geben nie Urteile über redaktionelle Inhalte einzelner Zeitungen ab.“

Und genau das ist der kritische Punkt bei der oberflächlich betrachtet sinnvollen Aktion: Werbetreibende greifen in Redaktionelles ein. Wenn Lego verkündet, bis auf weiteres keine Werbung zu schalten, signalisiert das Unternehmen auch: Ändert eure Inhalte, eure Haltung, und ihr bekommt wieder unser Geld. Wirtschaft setzt also Redaktionen öffentlich unter Druck – nicht weniger als ein Tabubruch und ein Eingriff in die Pressefreiheit.

Anti-Hass-Kampagne in England: Gute Absicht, zweifelhafte Auswirkungen

Daher ist #StopFundingHate eben keine rundherum begrüßenswerte Kampagne. Gute Absicht, zweifelhafte Auswirkungen. Für das Lager der Brexit-Befürworter und Flüchtlingsgegner ein gefundenes Fressen: „Das Hasserfüllte an #StopFundingHate“, titelt die libertäre Website Spiked und wirft den Initiatoren Zensur vor. Das Konservativen-Organ Spectator, dessen Herausgeber einst Brexit-Frontmann Boris Johnson war, urteilte: „Eine böswillige, elitäre Kampagne für Pressezensur.“

Das ist es wieder, das böse E-Wort. Elite gilt spätestens seit Trump als Synonym für Spaltung, für gesellschaftliche Zerrissenheit. Und so nutzen die Gegner #StopFundingHate, um sich weiter munter am anderen Lager abzuarbeiten. Die Kampagne forciert in der Vorweihnachtszeit also die gesellschaftliche Polarisierung, die sie doch gerade bekämpfen wollte.

Willkommenskultur? Britischer Boulevard und seine Flüchtlingsschlagzeilen

Lego mit Vorbildfunktion?

Aus Marketing-Gesichtspunkten interessant: Eine Massenmarke wie Lego verzichtet auf Massenblätter und damit auf enorme Werbe-Reichweite. Dafür punktet sie in Kreisen, die nicht unbedingt zu den Lesern der Blätter gehören. Lego tauscht also die Massen gegen einen kleineren Kreis politisch Korrekter. Ob dieser Fall aber Schule machen wird? Der Lego-Kassensturz Ende des Jahres wird hier Klarheit bringen – auch darüber, ob man die britischen Tabloids für seine Produktwerbung überhaupt noch braucht.

Sinnvoller wäre es aber so oder so, wenn nicht Unternehmen #StopFundingHate sagen und so in der Tat indirekt Zensur betreiben, sondern die Zeitungskäufer, die den Tabloids seit Jahren ohnehin verstärkt den Rücken kehren. Denn nur ihnen gebührt redaktionelle Kritik.




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