Gestern den Schuss nicht gehört, heute kluger Kopf

02.09.2016

Unser Chefredakteur Dirk Benninghoff nimmt die Medienwelt unter die Lupe.

Während Menschen und Medien am Freitag darüber stritten, wie der Begriff „Distanzierung“ auszulegen sei, wäre eine bemerkenswerte Kampagne fast untergegangen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen neuen klugen Kopf gefunden. Dem hatte sie noch im Juli vorgeworfen, „den Schuss nicht gehört“ zu haben und geschlussfolgert: „Es ist Zeit, dass er sich verabschiedet.“ Das qualifizierte EU-Boss Jean-Claude Juncker offenbar zum Testimonial. Und so ist er jetzt immerhin der 90. im Klassiker deutscher Medienwerbung. „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ behauptete das Traditionalistenblatt bereits 1996 zum ersten Mal.

Dafür hat die Zeitung den Mann aus seinem Brüsseler „Elfenbein-Büro ohne Kontakt nach außen“ geholt (FAZ, ebenfalls im Juli) und vor griechische Gewässer drapiert, was die Kampagne noch bemerkenswerter macht. Denn mit Hellas waren die Frankfurter zuletzt ähnlich schonungslos umgegangen wie mit Juncker. Die Akteure bilden daher eine glaubwürdige Opfer-Gemeinschaft, zumal der EU-Boss stets als Freund der Griechen aufgetreten ist. Die FAZ dagegen gab schon mal zu, dass ihr zu Griechenland „gar nichts mehr einfällt“.

Doch!, muss man jetzt entgegnen. Denn Meer, Hafen, Taverne und blau-weiße Tischdecken verbindet der Deutsche selbst in der schwärzesten Stunde der Schuldenkrise noch mit Hellas. Und so wurde der Mann, der angeblich den Schuss nicht gehört hat, mitten in das Land gesetzt, zu dem einem gar nichts mehr einfällt, um für ihren gemeinsamen Kritiker zu werben.

Mit der Kombination beweist die FAZ Mut zu Unkonventionellem, den man der Zeitung häufiger wünscht. Juncker war nicht nur für die Frankfurter spätestens seit den dunklen Tagen des Brexit im Juni die Kumulation all dessen, was verachtenswert am System Brüssel ist: Mega-Bürokratie, Vetternwirtschaft, Elfenbeinturm-Denke. Quasi jedes relevante Medium schrieb den EU-Chef an die Wand. Der Mann, der einst für ein vereinigtes Europa stand, galt auf einmal als Symbol für dessen Auseinanderfallen.

Mut zu Bad Boys beweist die FAZ mit der Juncker-Nummer nicht zum ersten Mal. „Peanut“-Banker Hilmar Kopper gehörte dazu und zum 10. Jahrestag der Maueröffnung der Maueröffner und SED-Bonze Günter Schabowski. Im Jahr 2000 durfte Manager Thomas Middelhoff auf dem New Yorker Times Square posieren, bevor er viele Jahre später hinter Gitter musste.

Im Vergleich mit denen ist Juncker nur ein harmloser älterer Herr. Und doch muss er all jenen Mut machen, deren Image und Werbewert in den vergangenen Monaten ähnlich rapide gesunken ist. Wenn selbst Juncker für eine Kampagne taugt, warum dann nicht auch der ausgewanderte Wendler oder die gerade mehrfach geschassten Geissens?

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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