Nichts als die Wahrheit!?

24.02.2017

Chefredakteur Dirk Benninghoff über den Wert von Fakten im Journalismus.

Welchen Wert hat Wahrheit? DIE Frage unserer Zeit. Der rechtschaffene Journalist hat sich schließlich der Suche danach verschrieben, für ihn sollte Wahrhaftigkeit das teuerste Gut überhaupt sein. Vom US-Präsidenten dagegen wird man das nicht unbedingt behaupten. Glaubte er wirklich, dass seine Behauptungen in der Regel Tatsachen entsprechen, wäre das noch weit bedenklicher als ein laxer Umgang mit Wahrheit.

Die von Donald Trump manisch attackierte New York Times reagiert darauf jetzt mit einem Werbespot zur „Oscar“-Verleihung. Es geht dabei um nichts als die Wahrheit. Die Kampagne thematisiert den erbitterten Kampf um die Deutungshoheit in den USA. Nie wurden Lügen oder „Alternative Fakten“ derart ungeniert und aggressiv als Mittel genutzt, um die Bürger mit den eigenen Ansichten und Weltanschauungen zu penetrieren.

Der Fakten-Check wird zur Königsdisziplin

Stellvertretend für die seriösen unter den US-Medien versucht die New York Times also ihre Glaubwürdigkeit, ihren Fakten-Fokus in die Wagschale zu schmeißen. Und münzt damit die Bedrohung durch das System Trump in positive Energie um: klassische Medien als Fixstern für irrlichternde, von einem Kosmos aus Lügen und Halbwahrheiten umgebenen Konsumenten als letzte Hoffnung für Wahrheitssucher.

Journalisten schauen noch genauer hin. Der Fakten-Check wird zu Königsdisziplin. Auch hierzulande. Der SPIEGEL will seine monströse Dokumentations-Abteilung aus dem tristen Hinterzimmer-Dasein holen und als Marketing-Instrument einsetzen. Martin Schulz verwendet falsche Zahlen zur befristeten Beschäftigung und muss sich das postwendend von der BILD um die Ohren hauen lassen. Stern-Herausgeber Andreas Petzold fordert den SPD-Kandidaten umgehend auf, das öffentlich zu korrigieren. Soviel Fakten-Bewusstsein war nie. Wenn man sich verzweifelt fragt, was die Ära Trump Positives bringen könnte: Voilà!

Werden Fakten überhaupt als solche akzeptiert?

Doch wie faktengläubig ist eigentlich der Wähler? Und was wird als Fakt überhaupt akzeptiert? Umfragen fördern Erstaunlich-Schauriges zutage. Die Doeblin Gesellschaft für Wirtschaftsforschung ermittelte beispielsweise, dass die Mehrheit der Deutschen Statistiken misstraut, die regelmäßig von amtlichen Stellen veröffentlicht werden. Am größten ist dabei die Skepsis gegenüber den offiziellen Angaben zur Zuwanderung. Zwei Drittel haben daran Zweifel. Der geschätzte Wettbewerber Edelman.ergo wiederum erfrug in seinem alljährlichen Trust Barometer, dass die Menschen persönlichen Erfahrungsberichten mehr Glauben schenken als Fakten.

Zum einen werden Fakten nicht mehr als solche akzeptiert, zum anderen überhaupt nicht benötigt. Ausgerechnet die Wahl von Trump macht hier Hoffnung: Sie zeigte, was Umfragen wert sein können…

Dirk Benninghoff

setzt als Chefredakteur digitale Storytelling-Impulse. Die bringt er unter anderem von der FTD, stern.de und BILD.de mit.




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