Nicki oder Hoodie?

24.03.2014

Was es heute braucht, um ein medialer Meinungsbildner zu sein. #Hoodiejournalismus

Dieser Tage wird auf dem Spartensender kabel eins die amerikanische Serie „Time Tunnel“ wiederholt. Für diejenigen Vorsiebzigerjahre-Jahrgänge: Das war für uns 68er-Kids die Fernsehsendung, die uns für „Raumschiff Enterprise“ fit gemacht hat.

Ich erinnere mich noch, dass ich sowohl „Time Tunnel“ als auch später „Raumschiff Enterprise“ immer samstagnachmittags sehen durfte. Auf dem Sofa sitzend, mit einer Tasse Kakao – und einem ziemlich schicken braunen Kapuzenpulli aus Nickistoff. Ich hatte ja – weil Samstagnachmittag – gebadet und die Haare waren noch nass. Aber die Kapuze und der Kakao hielten mich warm, wenn die Time-Tunnel-Helden zurück zum Mongolen-Sturm reisten oder Captain Kirk zusammen mit Pille auf einen Eisplaneten gebeamt wurden.

Heute werden Kapuzenpullis nicht mehr aus Nickistoff hergestellt und heißen „Hoodies“. Es tragen auch nicht mehr kakaotrinkende Kinder dieses nützlich wärmende Kleidungsstück, sondern so genannte Nerds. Die starren auch nicht mehr in den Röhrenfernseher, sondern auf ihren Mac, ihr iPad, den PC oder wahlweise Smartphone (das schon große Ähnlichkeit mit dem Kommunikator von Captain Kirk hat).

Warum diese Reise in meine (und vielleicht auch Eure) Kindheit? Weil die Nickikapuzenpulli-Typen von damals teilweise in der Chefredaktion und auf den Leitartikel-Plätzen der Süddeutschen Zeitung sitzen. Sie wollen aber die Hoodie-Jungs und -Mädchen von heute nicht mitspielen lassen. Denn wer auf einem Kirk-Kommunikator-Plagiat postet, statt pointiert parliert oder weniger die soziale Marktwirtschaft, sondern die freie Netzgesellschaft fordert, soll kein Büro mit zwei Fensterfronten, einer Assistentin (sorry: Secky) und Dienstwagen (Parkplatz) bekommen.

Der Dumme, pardon, Gekniffene in dieser Story ist Stefan Plöchinger, Chef von SZ online. Er soll eigentlich in die „richtige“ Chefredaktion. Die Nicki-Fraktion will das nicht.

Viel ist dazu gepostet und gechattet worden. Mit total viel Sympathie und Solidarität – unter #hoodiejournalismus.

Meine Meinung möchte ich am liebsten anhand eines Fußballbeispiels illustrieren, dass der designierte Wired-Chefredakteur Nikolaus Röttger jüngst in die Diskussion gebracht hat. Bayer Röttger schreibt, Pep Guardiola werfe man ja auch nicht vor, dass er beim FC Bayern München keine Tore schieße. Und Stefan Plöchinger mache schlicht das, was man von einem Chefredakteur verlange: nämlich NICHT in die Tasten zu hauen, sondern das große Ganze im Auge zu behalten. Talente zu fördern, Schlaffis auf Trab zu bringen.

Es brauchte aus meiner Sicht nicht die Aufregung, den Aufschrei, den Hashtag. Man müsste lediglich Pep Guardiola fragen (wohnt übrigens mitten in München, käme günstig). Der würde wahrscheinlich sagen, dass ein Team immer nur dann erfolgreich ist, wenn jeder einzelne ein Star ist – und zugleich jederzeit gegeneinander auswechselbar.

Harald Ehren

ist als Chefredakteur verantwortlich für alle Content-Formate und war Gründungsmitglied der FTD.




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